Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

Page: 146
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-HS Der Wettbewerb für das Brüder Grimm-Denkmal III kanaü

als unverzeihlicher Fehler angerechnet wird. Anderseits ist
die allegorische Gestaltung des Kriegs- und Siegesgedankens
— Bellona, Viktoria — wie die des Vaterlandes —
Germania — eine so verbrauchte und erschöpfte, in
der Tradition so typisch gewordene, daß die künstlerische
Phantasie sich auf diesem Gebiete immer mehr beengt
findet.

Mit der Idee eines nationalen Denkmals für die
Brüder Grimm war dagegen einmal der deutschen Plastik
ein Thema gegeben, welches zu einer Verherrlichung des
deutschen Einheitsgedankens mit Umgehung jeder Erinne-
rung an kriegerische Ehren und blutgedränkten Lorbeer
einlud. Denn nicht als eine Angelegenheit der deutschen
Gelehrten, insonderheit der Germanisten, die ja in den
Brüdern Grimm im besonderen führende Koryphäen
verehren, trat diese Denkmalsidee ins Leben, sondern
als eine Angelegenheit der ganzen Nation, die in diesen
Gelehrten machtvolle Erwccker und kühne Erneuer des
nationalen Bewußtseins in einer Zeit verehrt, in der
partikularistischer und dynastischer Eigennutz die politischen
Zustände im Vaterlande mehr als je beherrschte. Während
Dichter dem deutschen Volke die herrlichen Lieder sangen,
in denen die durch die Kämpfe gegen Napoleon geweckte
vaterländische Reichsidee begeisternd fortwirkte, wurden
die Grimms die Begründer einer Wissenschaft, welche der
Nation zum erstenmale ein klares Bewußtsein von dem
Reichtum an idealen und geistigen Schätzen gab, die sie
als Gemeingut besessen in früheren Zeiten, da sie schon
einmal ein Ganzes war. Was die deutsche Volksseele
und das deutsche Gemüt in der goldenen Jugendzeit
ihres Seins geträumt und gedacht, gefühlt und gestaltet,
das brachten diese zwei Pfadfinder unter mühsamer
Bergmannsarbeit frohgemut und mit lohnendem Findcr-
glück zu Tage: Erz die Fülle, um in das Gold einer
sich ihrer höchsten Ziele bewußten Vaterlandsliebe um-
geschmolzen zu werden. Der idealen Begeisterung brachten
sie die reale Unterlage: genaue Kenntnis von allem
was auf Grund der Geschichte die Ehrcnbezeichnung „echt
deutsch" verdient. Was die Brüder Grimm so geleistet
haben als Aufklärer der Nation über ihr ursprünglich
Wesen, als Erneuer und Befreier des deutschen Volks-
tumcs und als Regeneratoren des deutschen National-
bewußtseins, ist kaum zu ermessen und im Einzelnen
freilich nur den Wenigen bekannt, die den bahnbrechenden
Geistern in alle Einzelgänge ihrer Forschung gefolgt sind.
Aber bis in die bildungslosen Schichten des Volks
hinein lebt der Begriff dieser ihrer historischen Bedeutung:
als Sammler und Wiedcrcrzähler der deutschen Sagen
und Märchen, als Sichter und Ordner des deutschen
Sprachschatzes leben sie im Bewußtsein des Volks bis
in jene Kreise, wo naiven Sinnes man meint, die Brüder
Grimm hätten die Märchen selber gedichtet und die deutsche
Sprache erfunden.

Im Geiste dieser Auffassung hat man vor vier
Jahren, am hundertjährigen Geburtstag Jakob Griinms,
in der Presse und auf Banketten die Bedeutung der
beiden Brüder gefeiert, die im Leben und Wirken, im
Geist und Gemüte so unzertrennlich waren, daß der eine
nicht ohne den andern zu denken ist, und die Größe des
älteren, Jakob, sich unwillkürlich auf den jüngeren, der
mehr ein Anempfinder denn „Selbstlauter" war, mit
überträgt. In jenem Sinne ist auch die Idee des Doppel-
denkmals ins Leben getreten. Und bei solcher Auffassung

hätte sich der Aufruf zum Wettbewerb für das Denkmal
unbedingt au alle deutschen Bildhauer wenden sollen.
So verschieden man im Prinzip und im einzelnen über
den Wert von Preisausschreibungen denken mag, hier,
dieser Aufgabe gegenüber, war es geboten, jeden deutschen
Bildhauer, dem das Thema Interesse einflößte, zur
Bewähr seines Könnens im Wettstreit um den Auftrag
hcranzulassen. Leider war es dem Hanauer Denkmals-
komitee, dessen Sammlungen mit bestem Erfolg gekrönt
wurden, nicht vergönnt, solchem Impulse zu folgen. Mit
der Zusage von 25,000 Mk. Beisteuer erwarb sich die
preußische Regierung das Recht, einen maßgebenden und
beschränkenden Einfluß auf den Gang der Dinge zu
üben und wenn es schließlich doch zu einem engeren
Wettbewerb zwischen zwölf dazu eingeladenen Künstlern
gekommen ist, statt daß der Auftrag zunächst einem
einzelnen, in Berlin protegierten Bildhauer versuchsweise
zu teil wurde, so ist dies nur dem mannhaften Wider-
stande des Hanauer Coniitecs zu danken, welches dem
betreffenden Beschluß der BerlinerLandes-Kunst-Kommission
mit so guten Gründen entgegenlrat, daß ihnen Minister
Goßler einsichtsvoller Weise seine Zustimmung nicht
zu versagen vermochte. Es kam also zwischen Berlin
und Hanau zu dem Kompromiß jenes engeren Wett-
bewerbes, und an dieser bedauerlichen Beschränkung der
Konkurrenz konnte ein im Namen der Bildhauer Frank-
furts wie überhaupt Deutschlands erfolgender Protest des
„Frankfurter Künstlervereins" nichts mehr ändern. „Aus
allen deutschen Gauen flössen die Beiträge, welche zur
Bestreitung dieses eminent nationalen Denkmals dienen
sollen, und da ist gewiß der Wunsch nicht unbillig, daß
den Bildküustlern aller deutschen Stämme Gelegenheit
geboten werden möge, um die Ausführung dieses Ehren-
denkmals zu ringen". Daß diese Worte aus dem Protest
der Frankfurter Künstler damals keine Berücksichtigung
mehr finden konnten, muß man nach dem nun vorliegenden
Ergebnis des engeren Wettbewerbs erst recht bedauern.
Zumbusch, der bedeutendste unter den aufgcfordertcn
Künstlern, trat zurück von der Teilnahme, als der Schwer-
punkt der Denkmals-Angelegenheit von Hanau nach Berlin
und in den Schoß des Geheimen Rates für Kunst-
angelegenheiten verlegt ward. Und von den übrigen
namhaften Künstlern, denen die Bevorzugung zu teil
ward, haben neben denen, die Vorzügliches oder wenigstens
Tüchtiges eingesandt haben, einzelne die Grenze der
Mittelmäßigkeit und des Annehmbaren so überschritten,
daß man wirklich nicht weiß, wie solch' kümmerliche
Leistung mit einem namhaften Rufe des Autors verträglich
ist. Wüßte man nicht besser um die Urheber Bescheid, so
müßte man zweien der Modelle gegenüber wirklich an-
nehmen, es sei jenen damit um die „Verulkung" der
Grimms und des Unternehmens zu thun gewesen, solche
Jammergreise haben sie statt dem männlichen Brüderpaar
auf's Postament gestellt.

An der Fassung der Ausschreibung der Wettbewerbs,
wie sie schließlich im Sommer 1887 erfolgte, ist nichts
zu tadeln. Doch auch zur Aufrechterhaltung der ursprüng-
lichen Idee eines nationalen Denkmals von monumentalem
Charakter hatten die Mitglieder der technischen Kommission
des großen Grimm-Komitees in Hanau zuvor einen
Kampf zu bestehen gehabt gegen beschränkende Vorschläge
des Berliner Geheimen Rats für preußische Kunstange-
legenheiten. Auch der Sohn Wilhelm Grimms, der
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