Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Aus Aom

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Fenster geteilten Langfront, die übrigen auf den drei
andern Seitenwänden der Oblongen hell angebracht sind.
Betrachten wir zuerst die beiden unter dem einflulenden
Lichte allzusehr leitenden Szenen zu beiden Seiten des
Fensters. Zur Linken sehen wir den bescheidenen Feld-
herrn Curius Dentatus, der die Geschenke der von
ihm besiegten Samniter abweist. So weit wir
unter dem Einfluß des blendenden Lichtes zu erkennen
vermögen — und diese Aufgabe ist keine geringe — steht
der Konsul in einem dürftigen, schmucklosen Zimmer,
dessen einziger Hausrat in einem plumpen Tische mit
daraufliegeuden Rettichen und Zwiebeln besteht. Curius
Dentatus wendet sich mit jener unnachahmlich graziösen
durch und durch theatralischen Geberde von den knicendcn,
Geschenke ausbreitendcn Gesandten ab, die nur den
Neapolitanern und den Griechen eigen ist. Wir glauben
sogar, jenen famosen Augenaufschlag zu sehen, der in
Verbindung mit einem Schnalzen der Zunge jenes vor-
wurfsvolle „Nein" des Orientalen zum Ausdruck bringt.
Im übrigen scheint uns das Gesicht des Helden wie der
Samniter verzeichnet und die Schädel gehören insgesamt
der edlen Familie der Makrokcfalcn an. Auch die Szene
des Senators Papirius, der mit vollendetem „Stumpf-
sinn" — man verzeihe das harte Wort — mit über
das Haupt geschlagener purpurvcrbrämter Toga auf seinem
kurulischcn Sessel sitzt und den Gallier erwartet, der die
Hand nach seiner Binde ausstreckt — auch diese Szene
steht nicht auf der dramatischen Höhe wie das von uns
zuletzt zu besprechende Gemälde. Die Gruppe der ein-
dringenden Barbaren entbehrt jeden Zusammenhangs und
die Gestalt des greisen Römers ist nicht ehrwürdig, son-
dern abschreckend häßlich und mumienhaft. Weit ge-
lungener sind die drei folgenden Fresken. Zuerst das
Erscheinen des blinden Appius Claudius im
Senat, wo bereits Cincas, der Gesandte des siegreichen
Königs Pyrrhus, die patres conscripti zum Frieden ge-
stimmt hat. Während der blau gekleidete, die Schläfe
von weißer Binde umwundene Grieche, ein Mann „im
besten Alter" zur Linken des Beschauers steht, vor sich
die Pcrgamcntrollcn, die wahrscheinlich die Vorschläge
seines Königs enthalten — zieht zur Rechten eine weiß-
gekleidete Senatorcnmcngc herein; voran, gestützt auf den
Arm eines jüngeren Kollegen und mit der Linken umhcr-
tastend, der blinde trotzige Greis, der den Senat zum
Krieg bis aufs Messer aufrufen wird.

Das Antlitz des Appius Claudius ist von einem
weißen Rabbinerbarte umrahmt und besitzt nichts heroisches,
ja kaum etwas Ehrfurcht gebietendes und die vielen
Senatorcngesichtcr sind sogar meist im groben, bäuerischen
Stile gehalten.

Und dennoch macht dieses Bild durch die wunderbare
Abstufung der Farben, besonders in den weiße», meister-
haft schattierten Scnatorengcwändcrn, durch das ruhige
Licht und die ganze vorzügliche Technik einen großen
Eindruck. Dies alles läßt uns sogar den auch hier
mangelnden geistigen Zusammenhang der Helden unter-
einander — d. h. der cinzichcnden Senatorcngruppe mit
dem ganz vereinzelt und geradezu ignoriert dastehenden
Cineas — sowie die „Scatspieler" vergessen, wie der
deutsche Künstlerwitz die um ein Tischchen im Hintergrund
sitzenden, Papierstücke in Händen haltenden und vergnüglich
plaudernden prähistorischen Senats-Stenographen oder
Journalisten benamst hat. Die große Freske über der,

respektive den beiden Eingangsthüren, stellt die freiwillige
Abfahrt des Regulus dar, der nach Karthago, d. h. in
den qualvollsten Tod geht. Der Künstler wollte uns hier
ein großartiges Landschaftsbild mit einem historischen
Vorgänge bieten und was wir vor uns sehen, ist im
großen Ganzen nur ein — schlcchtbemalter Bilderbogen.
Ganz im Vordergründe auf dem zur Abfahrt bereit-
liegenden Schiffe steht Regulus — eine eckige, unbedeutende,
gänzlich ausdruckslose Gestalt in trockener, nichtsagcnder
Haltung und ohne das geringste Mienenspiel; mit einem Wort
eine mit antikem Gewand bekleidete Gliederpuppe. Während
dieser Held des Ganzen gleichgültig vor sich hinstarrt,
stehen am Ufer wie vom Theaterregisscur ausgestellt,
stufenweise die Reihen der Senatoren und dahinter eine
Menge Köpfe, d. h. Lermtus populus<que illomanus. Uber
ihnen allen ziehen sich in kaltem, kreidigem, unwahrem
Tone Kapitol, Tempel und Himmel dahin. Absoluter
Mangel an Bewegung und Leidenschaft kennzeichnet dieses
Bild — denn der Ohnmachtsanfall eines Weibes und
die aufgehobenen Hände einiger Statisten — parckon
Senatoren und Plebejer bedeuten noch lange keine Hand-
lung. Auch die Farbengebung ist im Verhältnis zum
letztgenannten Bilde schwach; die Bogen sehen mehlig
aus, das Kapitol macht den Eindruck eines Gipsabgusses,
wie moderne Modells in Kunstausstellungen; die Pinien
sind hellgrün und die Lichtcffckte gründlich verfehlt. Auch
die Plastik geht diesem Bilde durchaus ab, während die
überall dominierenden Parallel-Linicn ihm ihrerseits Un-
schönheit verleihen. Das Meisterwerk, das allein hinreichen
würde, Maccaris Ruhm zu besiegeln, ist aber die
Catilina-Szcne im römischen Senate, ein thatsächlich
vollkommen zu nennendes Gemälde. Wir haben das
Innere des Senats vor uns, dessen dreifach amphi-
theatralische, in ernster Architektur gehaltene Sitzreihen
sich vom Hintergründe links her nach dem rechten Vorder-
gründe des Blldcs ziehen. Während die Hinteren Plätze
von Senatoren dicht besetzt sind, ist ganz vorn, wo der
vereinsamte Catilina sitzt, eine Lücke. Links, von Senatoren
umdräugt, steht neben der dampfenden Opferschale der
Consul Cicero, der mit lebhaften Gesten soeben sein
Donncrwort »(Juouscpie tanckem, Oaiiliim!« dem jungen
Patrizier zuschlcudert. Catilina sitzt da in der Haltung
eines Raubtieres, mit voruübcrgcbcugtem Körper, die Hände
auf die Knie gestützt, in die die Nägel sich krampfhaft
einhaken; in seinem düster» Gesichte spiegelt sich wilde
Wut mit unsäglicher Rachgier. Man sieht es Catilina
ordentlich an, wie er im voraus schon auf die nächsten
Worte des Anklägers rät, wie er mit jenem gewissermaßen
geistig mitarbeitet. Ebenso fein charakterisiert ist Cicero,
der hier ganz so auftritt, wie die Geschichte ihn schildert.
Wie er so dasteht mit ausgebreiteten Armen und theatralisch
zur Seite geneigtem Körper, mit ruhigem, triumphierendem
Gesichtsausdruck, von dem Effekt seiner Rede im voraus
überzeugt. Das ist ganz der eitle pathetische Philosoph,
wie wir ihn kennen. Die Gesichter der Senatoren, die
übrigens wie auf dem Appius Claudiusbilde oft von
widerwärtiger Derbheit und Plumpheit sind, ja oft
an die Profile eines Jnquisitions- oder Kardinalskollegiums
erinnern, — die Senatorcngesichtcr drücken im bunten
Wechsel Schadenfreude, Neugier, kurz alle widersprechenden
Gefühle aus, die die guten Väter der Stadt unter dem
Einfluß so aufregenden Gruselns zu empfinden vermochten.
Die Szenerie dieses Bildes — bei dem ein inniger
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