Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Lin Aprilscherz. Novellette. von p). Hann

schwärmerisch für unsre kühle kluge Zeit, aber welches
Mädchen ließe sich nicht mit Freuden wie eine Heilige
aus dem Kalender, statt wie das gewöhnliche Menschen-
kind, das sie ist, bewundern! Aber wo blieb das lebendige
Wort? „Warum kommt er nicht und spricht mich an?"
fragte ich mich oft, „so viele gleichgiltige glatte Gesellen
drängen sich mir auf, weil ihnen meine Unterhaltung

behagt, oder mein Gesicht gefällt, nur der einzige, der
wirklich warm für mich empfindet, hält sich abseits".
Zuweilen grollte ich ihnen, manchmal faßte ich tolle
Pläne, die sich nie verwirklichen ließen, um Sie aus den
Ecken hervorzulocken, in welche Sie sich wie eine Fleder-
maus verbargen. Bis mir endlich eine Rolle in der
häßlichen Posse zugeteilt ward und mit ihr die Gewißheit,
den stummen Mund einmal sprechen zu hören. Sind Sie
mir noch böse, daß ich sie übernahm?"

„Ihnen Ilona?" Nein, ich bin es nur mir selber.
Was für ein alberner Narr bin ich gewesen! Wie müssen
Sie über den veralteten Minnewerber gelacht haben!"

„Gelacht? nein; vielleicht im stillen gelächelt. Und
auch das nur im Anfang. Später fühlte ich mich gerührt
und beschämt. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen,
daß mir vor vielen Würdigeren ein großes Glück zuge-
fallen, daß für mich das schöne Wort Wahr-
heit und mir die Liebe, die das ihrige nicht
fordert, zu Teil geworden."

„Sie stellen mich zu hoch", rief Lichtner,
„denn ich kam um zu fordern, um Sie zu
fordern. Ich bin nicht so genügsam und
selbstlos wie Sie denken, ich strecke meine
Hand gierig nach dem höchsten Glück aus,
das mir das Leben gewähren kann."

„Und warum kamen Sie erst heute?"
entgegnete sie mit einem Triumphlächeln.
„Weil Sie nun das Weib ihrer Liebe in
Purpur und köstliches Linnen hüllen können,
als wäre es die Königin von Saba. Die-
selbe sorgende, opferwillige Liebe spricht heute
aus ihrem Kommen, wie ehemals aus ihrem
Fernbleiben. Sie wandelten diesmal auf einem
Irrweg, denn ich gehöre nicht zu den Frauen,
die sich an Wohlstand und Komfort ver-
schenken; — wären Sie enterbt, ohne andre
Aussichten, als ihr Talent und Fleiß Sie
ihnen eröffnen, zu mir gekommen, ich hätte
ihnen genau so wie heute zugerufen: Hugo,
wenn Sie mich eitles, oberflächliches Geschöpf,
das ihre große, aufopfernde Liebe nicht ver-
dient, an ihr Herz nehmen wollen, so bin
ich die ihre!"

Stockend, im ganzen Gesicht erglühend,
sprach sie die letzten Worte. Selbst einem
in irdischen Dingen äußerst unbewanderten
Blasengel, mußte dies als der geeignetste
Zeitpunkt erscheinen, sie stürmisch in die Arme
zu schließen. Für uns hingegen erwies cs sich
als Passend und angemessen, dem llete-ä-tbte
endlich die wünschenswerte Einsamkeit zu
verschaffen. Rupert lief wütend wie ein an-
geschossener Eber davon (auf Monate hinaus
allen Späßen so feind, wie der gries-
grämigste Schulmeister). Wir zwei folgten
ihm und trotz aller Freundschaft für ihn
winkten wir einander behaglich zu. Es er-
weist sich stets als im hohen Grade be-
friedigend für die unbeteiligten Zuschauer
(und als solche fühlten wir uns trotz unsrer
schwächlichen Vorschubleistung der Posse), wenn
die Tugend an der gutbesetzten Tafel Platz
nimmt.

„Das war ein zweischneidiger Aprilscherz", raunte
ich Schönborn ins Ohr.

„O, ich habe von allem Anfang an vorausgcsehen,
daß es so kommen werde!"

Das einzigemal in seinem Leben hatte er eine
Prophezeiung für sich behalten, und die ist in Erfüllung
gegangen.

Aus Benjamin vautiers Skizzenbuch
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