Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Die Übertragung der Fresken ans Lasa Bartholdy in Rom in die Nationalgalerie zu Berlin

Joseph vor dem Pharao, von Peter von Lornelius

Netouchen durch Befeuchtung sich anslösten. Es mußte daher
von jener Methode der Ablösung abgesehen werden, welche bei
den Beitschen Fresken im Städelschen Institut angewendet worden
war und welche ich selbst miterlebt habe.*) Diese Methode be-
stand darin, daß die Bildfläche vermittelst starken Tischlerleims
in doppelter Lage mit Stücken von Leinwand beklebt wurde,
welche an eine: der Höhenkanteu des Bildes handbreit Vorständen,
so daß diele vorstehenden Teile an eine leichte, aus Latten her-
gestellte, Rolle angenagelt werden konnten. Auf der rechten
Seite des Bildes beginnend, nachdem der Leun während vierzehn
Tagen vollständig erhärtet war, hieb der die Ablösung aus-
führende Schreinermeister Zanchi aus Bergamo der Höhe nach
eine Ruth in die Mauer, und nachdem er mit einem breiten
Meisel hinter den Bildfläche den Verputz etwas gelockert hatte,
begann der harte Leim, indem er die Leinwand zwang sich zu
rollen, seine Thätigkeit, durch die er die Farbendecke ganz von
der Putzschichte absprengte, so daß die ganze Farbendecke auf der
Leimkruste und der Leinwand festsaß. Allmählich konnte auf
diese Weise das ganze Bild auf die Rolle, die nachgerückt wurde,
aufgerollt werden. Diese Rolle wurde in das neue Lokal gebracht
und daselbst die Leinwanddecke nach und nach so stark befeuchtet,
daß der Leim sich erweichte und dadurch seine Sprödigkeit verlor,
derart, daß man wiederum das ganze beklebte Bild platt aus den
Boden des Raumes ausbreiten konnte, auf welchen man bereits
eine starke Leinwand ausgespannt und mit einem breiartigen
Mörtel aus Kalk und Siebkäse bedeckt hatte. Nun bestrich man
auch das Bild an der Rückseite streifenweise mit dieser Masse
und drückte es so, allmählig vorschreitend, ganz auf die unter-
liegende Leinwand auf, sodaß nunmehr die abgesprengte Farbe
direkt auf jene Mörtelmasse zu liegen kam und sich mit derselben
verbinden mußte. Nach Erhärtung des Mörtels wurde der nun
steifgewordenen Leinwand ein gitterartig gearbeiteter Blendrahmen
untergeschoben, auf welchen man die überstehende Leinwand fest-

') Ich entnehme diese Worte wie alles Tatsächliche der über diesen
Gegenstand soeben erschienenen Monographie von Prof. vr. Lionel von Donop,
einer trefflichen Arbeit; zu beziehen durch die Amelangsche Buchhandlung.
Berlin, Leipziger Straße 133.

nagelte. Auch wurden ans der Rückseite innerhalb der Quadrate
des Rahmens nochmals zur Hälfte an das Holz, zur Hälfte auf
die Bild-Rückseite Leinwandstreifen geklebt, um eine segelartige
Bewegung der gewaltigen Bildstäche zu verhindern. Zum Schluß
mußten die aufgeklebten Leinwandstücke der Vorderseite mit Wasser
ganz erweicht und abgezogen werden.

Es ist begreiflich, daß bei einem solchen Verfahren jede Tem-
pera-Retouche an dem Leim hängen bleiben, oder sich auflösen
und verloren gehen muß. Dies geschah auch bei den Beitschen
Fresken; doch waren solcher Retouchen so wenige vorhanden, daß der
Schaden nicht groß war, und dieselben leicht wieder ersetzt werden
konnten. Höchst nachteilig ist bei diesem Verfahren aber, daß
alle Farbtöne, welche nicht stark mit Kalk vermischt sind, einen
bedeutend tieferen Ton annehmen, worunter die ursprüngliche
Harmonie der Gemälde sehr stark leidet.

Schon unter König Friedrich Wilhelm IV. war mit dieser
Methode der Versuch gemacht worden, das Gemälde Ve-its in der
Casa Bartholdh „Joseph und Potiphar" auf Leinwand zu über-
tragen; dies hatte die erwähnte schlimme Verdunkelung und
Zerstörung der Harmonie der Farben zur Folge, und dieses un-
befriedigende Resultat schreckte damals den König von dem Ge-
danken des Ankaufes und der Ablösung jener Malereien zurück.
Das Bild wurde auf einen Holzrahmen gespannt, wieder auf die
Wand befestigt, und habe ich es dorten, mutmaßlich infolge des
Schwindens des Holzes des Blendrahmens, in ganz faltigem Zu-
stande gesehen.

Dieser Mißerfolg veranlaßte bei der neuerlichen Ablösung
der andern Gemälde die Anwendung einer umständlicheren, sehr
viel kostspieligeren aber zuverlässigeren Methode, nach welcher der
Florentiner Kunsthändler Stefano Bardini die Ablösung sämt-
licher Gemälde für den Preis von 13,000 Lire übernahm, und
tadellos ausführte. Sein Verfahren war folgendes: Rund um
die Gemälde wurden Ruthen in die Wand eingehauen und die
Bildfläche mit einem Stück des dahinterliegenden Mauerwerkes
in einen eisernen Rahmen eingespannt. Eine Holzkiste wurde
alsdann dicht vor das Bild gebracht und mit ihren Seitenteilen
in die Ruthen eingeschoben. Der Boden der Kiste sollte die Ober-
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