Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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von Vtto Donner von Richter— Modelle. Ein Novellenkranz, von Johannes proelß

2Z,


fläche des Bildes, welche mit starkem Papier bedeckt worden war,
glatt anschließend berühren und vor Zerbröckelung schützen. Da
aber die Bildfläche nicht in einer Ebene lag, sondern, wie dies
bei Freskomalereien leicht vorkommt, durch das stückweise An-
trägen des Verputzes wellig geworden war, so half Bardini auf
sinnreiche Art diesen: Übelstand ab, indem er den Boden der Kiste
in Abständen von 5 rui durchlöcherte und durch diese Löcher
Holzpflöcke vorsichtig eintrieb, bis sie die Bildoberfläche berührten
und die Mulden derselben auf diese Weise begleiteten und aus-
füllten. Hierauf wurde von der Rückseite her die Mauer bis auf
die Tiefe der Ruthen, resp. der Kistenseitenwände abgemeiselt
und mit dem letzten dünnen Rest des Mauerwerkes wurde die
Kiste sodann horizontal nach dem Zimmer hinein umgelegt und
dieser letzte Mauerrest nunmehr auch noch abgemeiselt, so daß
nur die verschiedenen Mörtelschichten des Verputzes übrig blieben.
Diese Schichten, welche nicht immer ganz genügende Verbindung
aufwiesen und jede für sich besondere Sprünge zeigten, be-
festigte Bardini nun untereinander, indem er einen Brei von
Kalkmilch und Siebkäse erst dünn auftrug und in die Spalten
und Risse einfließen ließ und denselben hierauf allmählig ver-
stärkte. Nachdem die ganze Masse durch und durch.getrocknet
war, breitete er eine dicke Lage von Gips über die ganze Rück-
seite aus, in welche ein dichtes Maschengeflecht von galvanisiertem
Drath eingedrückt wurde, welches an einem 7 rm dicken und

ebenso breiten Holzrahmen so befestigt war, daß derselbe die ab-
gelöste Masse in ihrem ganzen Umfang umschloß. Dieser Blend-
rahmen war auf seiner Rückseite durch Zwischenstücke von
2^/,—4 rm Stärke, welche Quadrate von ca. 22 rm bilden, —
wie dies auch bei dem Beitschen Fresko des Städelschen
Institutes geschah — verstärkt und nachdem auch die Gips-
lage durchgetrocknet war, ließ sich das ganze Gemälde wieder
ohne allzugroße Schwierigkeiten aufrichten und transportieren.
In einem durchgehenden Eisenbahnwagen, aufrecht gestellt wie
Spiegelscheiben, gingen am 2. Oktober 1887 die Gemälde nach
Berlin ab.

Dieses Verfahren der Übertragung ist dasselbe wie jenes,
welches Guglielmo Botti, Inspektor der Galerie der schönen
Künste in Venedig schon 1876 anwendete, um ein Freskogemälve
Correggios in der Annunziatakirche in Parma und ein Gemälde
des Fra Bartolomeo in dem Hospital von Sa. Maria nuova
in Florenz abzulösen.') Es hat von jenem vermittelst Los-
sprengens jedenfalls den großen Vorzug, daß es die Malerei
selbst durchaus unverändert läßt und somit dürfen wir uns Glück
wünschen, daß die Direktion der Nationalgalerie auch hierin das
Richtige getroffen hat.

*) Vgl. oben angeführten Bericht in den technisch. Mitteil. f. Malerei.

Modelle

Ein Novellenkranz. Von Johannes proelß

I. Im Freien

>Lieh', da tritt auch die Spitze des Sonnwend-
joches heraus — und ganz scharf Umrissen,
blitzblank der Neuschnee darauf und tiefblau der
Himmel dahinter! Das ist ein untrügliches Zeichen:
es gicbt schön Wetter auf Dauer." Der stattliche
ältliche Herr neben dem schlanken Fräulein, das
Schulter an Schulter mit ihm auf der alten Land-
straße, die neben der Eisenbahn laufend das freund-
liche Brixlegg mit dem altersgrauen Rattenberg
verbindet, dahergeschritten kam, blieb bei diesen
Worten vollends stehen. Er hob den leicht er-
grauten Wallensteinkopf in der bezcichneten Richtung
empor, schob sich den Hellen Panamahut aus der
Stirn und verfolgte mit den Augen gespannt das
reizvolle Schauspiel, wie nun auch diese letzten
Wolken, die bisher noch der Morgensonne getrotzt,
erst langsam sich hoben, dann vom Wind in duftige
Dunststreifen aufgelöst wurden, die nach kurzem
Flatterleben im Blau des Himmels verflossen.

Die jugendliche Blondine, auf deren glatt-
anschließendem hellgrauem Lodenkleid jedes winzige
Flockenhärchen im Sonnenlicht silbern erschimmerte,
war ebenfalls stehen geblieben. Ihre Blicke aber
hafteten auf der lustig rauschenden Flut des
prächtigen Jnnstromes dicht unter ihnen, der hier,
in starkem Gefäll gegen das Felsplateau schießend,
auf welchem das alte Rattenberg und vor ihm die
Trümmer seiner Burg sich erheben, in breitem
Bogen der Thalniedcrung zueilt. Nach dem starken
Anprall in Wirbeln zurückgetrieben, schäumte und
gischtete das Wasser ungeberdig gegen das User, so
daß die Tropfen bis auf den Fahrdamm zu den
beiden Touristen heraufsprühten. „Und sieh' nur,

Vater, welche Farbe der Inn heute hat. Gestern
und vorgestern, überhaupt seit unsrer Ankunft in
Brixlegg, bei dem ewig grauen Himmel, wie war da sein
Grün so trüb und stumpf. Heute aber glänzt es so durch-

Mbrndlied. von Rudolf A. Iaumann

sichtig hell und doch auch so intensiv, als sei das Wasser
ein ganz anderes geworden. Und doch hat dieses keine Ver-
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