Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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änderung erfahren; nur der Himmel, der sich in ihm spiegelt.
Wie gut, daß wir vorgestern davon absahen, eine Farbenskizze
von diesem Bild hier zu beginnen, so verlockend es war:
die altersgraue Stadt, deren wetterfeste, die Biegung des
Flusses beglcitendcAnßenfront scheinbar direkt bis znmWasser
hinabreicht, der brausende Fluß, das grüne Ufer drüben
mit seinen Weiden und Erlen bis zum dunklen Bergwald
dahinter und über dem Ganzen die hängenden jagenden
Wolken. Wie anders heute. Die Firste der grauen Häuser
leuchten im Sonnenschein, auf dem Flusse tanzen sich
baschend tausend Lichter, drüben lacht die Au, all' das
Düstre ist in eitel Heiterkeit verwandelt. Welche Zauberin
ist doch die Sonne! Und dabei steckt sie selber noch
hinterm Berge. Aber sie naht. Dort das eiserne Kreuz

vierzehn Tage lang wie bisher hinter Wolken verbirgt,
so daß wir um unsre halbe Studienernte gebracht werden,
da kann auch ein frommes Malergemüt zu gar frevent-
lichen Gedanken gereizt werden. Und selbst wenn sie
gut gelaunt ist, wie abhängig sind wir von ihr, wie
oft durchkreuzt sie unser bestes Wollen! Ihre eigenen
Wundcrthaten als Malerin sind ein Hohn auf unsre
schwachen Versuche, es ihr gleich zu thun. Du lieber
Himmel! Sie kann ja ihre Farben und Lichter aufsetzen
wo immer und wann immer sie will. Und was für
Farben und welche Lichter!" Er wies mit der Hand auf
die Feldblumen, die rechts und links von dem schmalen
Pfad in thauiger Frische blühten und ihre zarten Kelche
der eben über die Bergwand hervortretenden Sonne

Wotiv aus Polen, von Roman Rochanowski

wiener )abresausstellung 1889

auf der Gratlspitz erglüht schon von ihrem Gruße. Guten
Morgen, hohe Göttin, ich grüße dich!" Das Fräulein
hatte seinen breitrandigen Strohhnt vom Kopfe genommen
und während sie mit ihm ihre Augen beschirmte, neigte
sie sich heiter lächelnd gegen den Berg, auf dessen Spitze
sich die Spuren der nahenden Sonne zeigten.

Mit unbewußter Freude ruhte jetzt das Auge des
Malers auf der anmutig-schönen Gestalt seiner Tochter,
deren blondes, leicht ausgestelltes Haar in dem Strahlen-
strom des Lichtes einen bestrickenden Glanz erhielt. „Ja,
sie ist eine zaubergewaltige Göttin und was wären wir
Malersleute ohne sie . . . Aber wie alle schönen Frauen",
fuhr er nachdenklich fort, indem er seiner Tochter in den
dunklen Durchgang folgte, der hier den Eisenbahndamm
durchbohrt und zu dem Fußpfad auf die nahe Burgruine
hinüberleitet, „wie alle schönen Frauen hat auch sie ihre
Launen. Wenn sie sich z. B. aus purer Übellaune so

strahlendurstig entgegenhoben. „Wie könnten wir mit
unfern zähen Öl- und matten Wasserfarben, mit Kohle
und Bleistift nur entfernt Gleiches erreichen! Da sieh
'mal den einen winzigen Tautropfen, der dort in dem
schimmernden Spinnwebennctz wie flüssiges Sonncngold
glänzt: wer kann so was malen? Und wenn wir einen
Diamanten an seiner Stelle in unsre Farben setzen
würden, wir brächten dieses Leuchten nimmer heraus.
Ja, wahrhaftig, wenn die Kunst nichts andres erstrebte
als eine direkte, aber zu ewiger Unzulänglichkeit verdammte
Wiedergabe der Wirklichkeit, so könnten wir unsre Farben-
kasten feierlich verbrennen und Sandoz in Zolas „U'oeuvre"
hätte recht, wenn er am Schluß des Romans sagt, das
beste für uns Künstler wäre, uns totzuschießen. Da
wir aber — Gott sei Dank — doch etwas Besonderes
können, was in vielem zwar hinter der Wirklichkeit
zurückbleibt, in manchem aber ihr direktes Vorbild übertrifft
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