Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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vermischte Nachrichten — Kunstlitteratur und vervielfältigende Kuust — vom Kunstmarkt

Vermischte Nachrichten

Ir. Berlin. Die Unterrichtsanstalten der Akademie der
Künste sind, soweit sie der Pflege der bildenden Kunst bestimmt
sind, während des letzten Winier>emesters nicht so stark frequentiert
worden als in dem bezüglichen Semester des Vorjahres; die
akademische Hochschule für die bildenden Künste unter
Leitung A. v. Werners zählte nur 233 ordentliche Schüler
und 33 Hospitanten gegen 255 und bez. 33 im Vorjahre; am
Unterrichte in den akademischen Metsteraleliers für die
bildenden Künste nahmen Teil 16 Maler, 5 Bildhauer,
1 Kupferstecher und 3 Architekten gegen 18 Maler, 5 Bild-
hauer, 1 Kupferstecher und 7 Architekten im Vorjahre.

— Dem Deutschen Kaiser hat der König von Italien sein
Porträt, das Michern gemalt hat, als Geschenk übersandt.

— 'München. Bei der Central - Gemäldegalerie in
München ist eine Restauratorenjchule eingerichlel worden, in
welcher junge Kunstschüler in der Gemälderestauraiion unter-
richtet werden. Die Erteilung des Unterrichts ist Alois Hauser
übertragen worden, der zum Professor ernannt wurde.

— Rom. Aus einem Privaibrief. „Bin begierig
was Maccari an der Ausmalung des Domes von Lorero an
Innigkeit leisten wird! Von der ist bei Gott nichts bei ihm zu
spüren. Seine Decke im Senaissaal finde ich — unter uns ge-
sagt weitaus sein Bestes. Da ist doch Anmut der Gruppierung,
Mannigsalngkeit der Farbe ohne zuviel und durchaus harmomsche
Behandlung der Gegenstände, während die verschiedenartigen
Grösteuverhältnisse der Personen recht unbehaglich wirken auf
den Wandmalereien, die doch den Beschauer gleichmäßig umringen.
Unter den Blinden ist aber der einäugige König und Macan im
Reiche der modernen Älekserei der gediegenste Monumemalmaler
in Jialien. — Die Spanier sind aber den Italiener» über, daß es
eine Arr hat! Ist der Benlliure ein Kerl! Neulich erst sah ich
eine spanische Lvrjpredigl von ihm, wo ich nicht wußte ob ich
mehr die andächtig gedankenlosen Zuhörer, den braven eisrigen
Seelenytrlen, die sanatischen Mienen etlicher betender Kömpo-
jtella-Wallfahrer, das schelmische Treiben einiger entzückender
Kinder dazwischen, oder das feine Maßhalten in der Verteilung
von Tageslicht, Kerzenjchiinmer und Schatten im steinernen,
blumenvesrreulen Golleshause bewundern sollte, dessen wunder-
thätige Madonna im marmornen Relief von Cngelcheu umrahmt
wie segnend von ihrer hohen Stelle auf das gelungene Werk blickt.
Und der Humor der Vouv-Jnschrisien für den, der spanisch ver-
sieht! Das ist ein echter Realer! Nichts drängt sich unliebsam
vor, allmälich erst löst sich das Einzelne vom Ganzen. — Nun
hier hüllen wir in Wirklichkeit das Gegenstück dazu in den ganz
Rom herbeilockenden Fastenpredigten des Fra Agosiino di Monte-
seltre in S. Carlo al Corjo. Stundenlang vorher schon drängt
sich Kops an Kops und je nachdem erdröhnt die Kirche von Applaus,
Lachen oder Bravorusen, wenn der ernste eisrige Pater seinen
Redestrom über die bunte Menge ergießt und ihnen ohne viel
Federlesens die Leviten liest. Unterhalten will der Römer sem,
mehr begehrt er nicht" ....

Kunstlitleratur und vervielfältigende Kunst

v. vt. Kunst und Kritik. Ästhetische Schriften von
Ludwig Pfau. Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt. Bd. 1—2
ä Mk. 6.56, Bö. 4 Mk. 4.50, Bo. 6 Mk. 5.50. Unter den
deutschen Kunstkritikern nimmt Ludwig Pfau eine hervorragende
Stellung ein, sowohl durch seine ungewöhnliche Sachkenntnis als
eme seltene Beherrschung der Sprache. Nicht minder aber auch
Lurch seine unabhängige, männliche Gesinnung, die ihn zum Todfeind
aller schmeichlerischen Gefälligkeit macht. Unstreitig ist sein starrer
Republikamsinus nicht ohne einzelne sehr unangenehme Schrullen,
wie sein Preußenhaß, der ihn fogar völlig blind und ungerecht
macht sobald er ms Spiel kömmt. Aber wer zöge solch' un-
beugsamen Charakter voll makelloser Redlichkeit nicht jenen ge-
schmeidigen Höslingsnaturen vor, die als echte Biedermänner die
Wahrheil so geschickt zu verhüllen, nie bei den Gewaltigen an-
zustoßen und ihren Vorleit dabei so trefflich zu wahren ver-
stehen, wie die deutsche Gelehrtenwelt deren nur allzuviele zählt?
Da muß man denn trotz ihrer Unbequemlichkeit, ja trotz einzelner
Verkehrtheiten doch die höchste Achtung vor Männern haben, die
wie Pfau arm aber srei zu bleiben verstehen, was sehr viel

schwerer ist als man gewöhnlich glaubt. — Die bis jetzt vor-
liegenden vier Bände dieser gesammelten Schriften enthalten im
ersten eine Art Geschichte der modernen Malerei, bei der frei-
lich die französische und belgische ganz besonders bevorzugt er-
scheint, weil der Verfasser durch seinen langen Aufenthalt in
Paris und seinen Verkehr mit einer Anzahl der dortigen Kori-
phäen in stand gesetzt ward, dieselbe ungewöhnlich genau kennen
zu lernen. Hier ist er besonders reich an schlagend wahren all-
gemeinen Bemerkungen, so z. B. wenn er sagt: „Insoweit die
Kunst Vorbilder braucht, ist das Anlehnen an die vaterländischen
gewiß das richtige, denn ein Volk kann am Ende doch nur das
entwickeln, was in ihm liegt". Aber auch in Beurteilung der
einzelnen Meister leistet er manchmal ganz Vorzügliches, ist
immer interessant und fesselnd. Daß die Deutschen ihm im
ganzen fremder bleiben als die Franzosen, ja daß er gegen einzelne
wie Makart und A. v. Werner geradezu ungerecht wird, da er
beim ersteren die oft ganz wunderbare Natürlichkeit des Benehmens,
besonders seiner werblichen Figuren übersieht, in der ihn doch
kein einziger Franzose erreicht, das hat wohl seinen Grund in
ungenügender Kenntnis der Makartschen Werke, der man bei
Beurteilung der Deutschen überhaupt am ersten begegnet. So
auch bei A. v. Werner, dessen Kapitulation Wimpffens bei Sedan,
oder dessen Napoleon entgegenreitender Bismarck, wie seine An-
kunft des Kaisers Wilhelm in Saarbrücken, doch so ziemlich das
beste sind, was vom Jahr 1870 überhaupt gemalt worden, wo
ihn aber sein verbissenes, schwäbisches Demokratentum durchaus un-
billig macht. — Darin hat er aber vollkommen Recht, daß die
Kunst der Luft der Freiheit bedarf um all ihre Pracht und
Schönheit entfalten und vorab es zu echter Volkstümlichkeit bringen
zu können. Dies mit zündender Beredsamkeit ausgesprochen und
bewiesen zu haben, wird immer Pfaus unvergängliches Verdienst
bleiben. — Der zweite Band bespricht dann neben einigen Jllu-
stratwnswerken haupsächlich Bild- und Bauwerke mit derselben ein-
gehenden Sachkenntnis, wie der erste die Malerei. Ja seine
Vergleichung der deutschen mit der französischen Skulptur muß
zum besten gerechnet werden, was überhaupt über den Gegen-
stand geschrieben worden ist, immer aber wird man seinen geistvollen
Ausführungen mit einem Anteil folgen, den er sogar auch dann
zu erwecken versteht, wenn man die besprochenen Kunstwerke nicht
aus eigener Anschauung kennt, weil sein Gedankengang schon an
sich fesselt. Dasselbe Vergnügen empfindet man bei seinen Be-
sprechungen von Bauwerken, selbst wenn man mit seinem End-
urteil nicht übereinzustunmen vermag, wie bei der uns wider-
wärtig bunt und schreiend erschienenen rainte cbapelle. Lobt er
hier zu viel, so ist er wohl in seiner Beurteilung der neuen
Louvrebauten etwas zu streng, immer aber wird man ihn mit
Vergnügen hören. Dies gilt besonders von seiner Kritik der
verschiedenen Weltausstellungsbauten, wo er dem Organismus
der 1867ger gleich uns den Vorzug vor allen gibt. — Der vierte
Band enthält dann die „Freien Studien" oder „Die Kunst im
Staat", jene Schrift, mit der er in den sechziger Jahren seinen
Ruf begründete und die wir wohl als allgemein bekannt voraus-
setzen dürfen. — Ebenso bringt der sechste Band „litterarische und
historische Skizzen", die uns hier nicht zu beschäftigen haben. Der
dritte und fünfte Band stehen noch aus. Immerhin wird aber
auch jetzt schon das Urteil dahin zusammengefaßt werden können,
daß wohl sehr selten in unsrer Zeit ein derartiges Sammelwerk
einen so reichen und wertvollen Gedankengehalt in so vollendeter
Form zu bieten habe, als es hier geschieht.

Vom Kunstmarkt

— Frankfurt a. M. Die Kunsthandlung von Rudolf
Bangel bringt am 6. Mai und an den folgenden Tagen die
Kunstsammlung des verstorbenen Antonio Bacci zur Versteigerung.
Dieselbe enthält Gipsabgüsse nach antiken und modernen Statuen,
Originalmodelle und italienische Marmorwerke.

Aedaklionsschtuß 13. April — Ausgabe 27. April

Inhalt des fünfzehnten idestes: tzcrt: C. v. Vinccnti. Jahresaus-

stellung im Wiener Künstlerhause 1889 — Ollo Donner von Richter.
Die Übertragung der Fresken aus Casa Bartboldy in Rom in die National-
galerie zu Berlin — Friedrich Pech t. Unsre Bilder — Kunstnotizen re.
— Ailderbeilagen: Enrique Melida, Träumerei — G. Bauernfeind,
Einziehung der türkischen Landwehr in Palästina — Eduard Grützner,
Zum Marienseste — Karl Schultze, Wintermorgen in de: Eifel.

Für die Redaktion verantwortlich: Fritz Schwartz — Druck der Bruckmann'schen Luchdruckerei in München
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