Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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IV. Jahrgang. Heft 16

15. Mai 1889

—^ tzerau^gcgeüeu von Friedrich Recht

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Meise. Nach L-aseaawa Tetto

Maudcrei über japanische Malereien*)

Von H. L. v. Berlepsch

hätte nicht von den gemalten Früchten des Zeuxis gehört, zu welchen die
Vögel hinflogen, um an ihnen zu picken, getäuscht — so sagt die Märe -—
durch die außerordentliche Naturwahrheit der dargestellten Dinge.

Der altgriechische Maler steht nicht allein mehr da als ein Künstler, dem die
optische Täuschung durch außerordentlich gesteigerte künstlerische Mache gelang.
Seshiu, ein Japane, war ursprünglich zum Priester bestimmt. Wie es nun gar
manchem Heroen der Kunst schon erging, daß er nämlich, einem ihm widerstrebenden
Lebenszwecke geweiht, immer wieder, und wäre es auch nur im geheimen gewesen,
auf seine Lieblingsbeschäftigung, in unscrm speziellen Falle also auf Malen und
Zeichnen, sein ganzes Augenmerk richtete, so ging es genau dem zukünftigen
Priester des Buddha. Einmal ob solch' unpriesterlicher Beschäftigung ertappt
wurde er von seinem Lehrer an einen Pfeiler des Tempels gebunden, und hätte
von rechtswegen da eigentlich weich und reuig werden, von seinem bisherigen
Leben und Treiben Massen und alle nur denkbaren guten Vorsätze fassen sollen.
Statt dessen weinte er, so erzählt die Historie, blutige Thränen und benützte
diese, um mit der großen Zehe seines einen Fußes — ein Pinsel stand ihm ja
nicht zu Gebote — ein ganzes Heer von Ratten auf den Boden Hinzumalen.
Nun kam der Lehrer endlich zurück, um den Gefangenen loszulassen und erschrak
förmlich ob all der gemalten Ratten, die er für wirkliche, lebende hielt, ja japanische
Stimmen sagen sogar, die Ratten seien wirklich lebendig geworden und hätten bei
Annäherung des Gestrengen die Flucht ergriffen.

Noch lebendiger als Seshiu verstand es der chinesische Maler Wu Taotz seine
Gestalten darzustellen. Er malte einmal einen Drachen, ein für die Chinesen
bekanntermaßen himmlisches Tier, das mit unserm sagenhaften, Menschen und
Tier verschlingenden Lind- oder Stollwürmern rein gar nichts gemein hat. Als
er den letzten Pinselstrich an seinem Gemälde gemacht, ihm den letzten Schliff
gegeben und damit förmlich ein Stück eigenen Lebens in sein Gebilde verpflanzt
hatte, da bohrte sich das Tier wirklich aus seinem Bann heraus, zersprengte
die Fesseln, die ihm durch Auftragung der leblosen Materie auf dem Malgrund
geworden waren, mit Donnergetöse und verschwand im Gewölk des Himmels.
Wäre das in einem europäischen Atelier passiert, so wäre der zurückgelassene
Schwefelgestank natürlich eine unvermeidliche Beigabe gewesen.

*) Die sämtlichen hier reproduzierten japanischen Malereien entstammen der reichen
Sammlung des Herrn Or. Edmund Naumann zu München, welcher die im Text erwähnte
Ausstellung japanischer Bilder im kgl. Glaspalaste daselbst inszenierte, den Ertrag derselben
in hochherzigster Weise dem Baufond des Künstlerhauses zuwendend. Seiner persönlichen
Anregung und dem trefflichen, von ihm verfaßten Kataloge verdanke ich sehr vieles, was in
den folgenden Zeilen niedergelegt ist. Außerdem dienten mir als Quellen die Werke und
Arbeiten von L. Gonse, Anderson, Fenollosa, Gierke und Metschnikoff. Der japanische Ge-
lehrte M. Wakai hat wohl die zutreffendsten Studien über den Gegenstand gemacht und in
seinem Werke „Fouso Gonafou" (Beiträge zur Geschichte der japanischen Malerei) niedergelegt.

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