Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

Seite: 268
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Unsere Bilder — Personal- und Ateliernachrichten

mag mancher denken, im Winter, wenn der Touristenstrom
sich verloren und der dichteste Schnee die heitere Land-
schaft in ein ödes Leichentuch gehüllt hat, dann wäre es
weniger lustig in der Schweiz; der aber kennt unser
Gebirgsvölkchen schlecht. Gerade im Winter wird dem
Schweizer erst so recht wohl, da fühlt er, der während
des Sommers vor lauter Aufwartung der Fremden kaum
zu sich selber gekommen ist, sich erst so recht daheim, da
feiert er mit ganzer Fröhlichkeit die schönen Feste, die
rechten Familienfeste und eine wahre Herzenserquicknng
ist es, ihn dabei zu beobachten. Besonders ist es das
Weihnachtsfcst, welches der harmlosen Lebenslust reichliche
Gelegenheit zur Bethätigung für Gros; und Klein bietet.
Recht dazu angethan ist namentlich ein alter Brauch, der
sich in dem Kanton Luzern der alljährlichen Pflege erfreut
in der Weise, wie ihn Hans Bachmann in seinem Bilde
„das Weihnachtssingen" so anmutig geschildert hat.

In der Zeit von Weihnachten bis Dreikönigen zieht
der Schulmeister des Dorfes, der zugleich Organist ist, mit
den Kirchensängern und Musikern, die er zum Teil aus
seiner Schuljugend bildet, von Gehöft zu Gehöft, frohe
Weihnachtslieder zum Vortrag bringend, welche gewöhnlich
in den naiven Neujahrswunsch ausklingen:

„Wir kommen hier an,

Zu wünschen euch an,

Ein gutes glückselig.

Gesund auch und fröhlich
Ein gutes Neujahr!

Gott mache es wahr!"

Von den durch solchen Gesang Geehrten werden
schließlich die Vortragenden beschenkt oder auch zu Gaste
geladen, wobei sich dann wohl die gemütlichste Geselligkeit
entwickelt. Da wird der stämmige Trompeter, dessen breite
Gestalt im Vordergründe des Bildes zumeist in's Auge
fällt und der das beifällige Lächeln des frischen Mädchen-
antlitzes mit freundlichem Zuwinken erwidert, diese Holde
mit kräftigem Arme umschlingen und in leicht beschwingtem
Tanze mit ihr sich drehen. Der hübsche Gymnasiast, aus
der Stadt zu den Ferien heimgekommen, dessen Geigenspiel
ebenso wie seine Persönlichkeit augenscheinlich ein ganz
besonderes Interesse erweckt, wird jedenfalls nachher ein
Kreuzfeuer von Fragen zu bestehen haben. And der dicke
Hausherr, das Musterbild eines behäbigen Wirtes, wird
mit schmunzelnder Miene von einem zum andern gehend,
zu fleißigem Zuspruch ermuntern. So ist jede Figur des
Bildes iu vortrefflicher Weise charakterisiert und demgemäß
gibt das Ganze den Ausdruck einer durchaus fröhlichen
Natur kund. Man sieht, daß der Maler, der selbst ein
geborner Schweizer, Land und Leute gründlich studiert
hat; denn in beiden gibt er die eigenartig frische Alpen-
natur mit überzeugender Treue wieder. Aber nicht nur
der strenge Realist, auch der Poet konimt in diesem Bilde
zur vollen Geltung; mit der festlichen Fröhlichkeit der
Leute klingt die weihevolle Abendstimmung des klaren
Wintertags bei ausgehendem Mond harmonisch zusammen.

Solche hervorragende Eigenschaften haben dem Bilde
auch eine allseitige Anerkennung erworben. Bei seiner
Ausstellung in London wurde es mit der ersten goldenen
Medaille ausgezeichnet. Aber nicht nur im Auslande,
auch in der engeren Heimat fand es die verdiente Würdigung,
was sich am deutlichsten darin zeigte, daß es vor einiger
Zeit von dem Museum in Basel angekauft wurde.

E. Daelen.

Personal- und Mleliernachrichlrn

u. Mannheim. Bildhauer Johannes Hoffart,
unser in München lebender Landsmann hat die Kolossalfigur
vollendet, welche als Bekrönung des Daches vom hiesigen neu
erbauten Wasserleitungsturme dienen wird und in der außer-
gewöhnlichen Größe von 4'/^ Meter herzustellen war. Die
schwierige Aufgabe, mit Rücksicht auf den hohen Standort, den
die Gestalt einnehmen soll und bei solchen Größenverhältnissen
in Bewegung und Eindruck monumental zu wirken, ist in dieser
Figur einer weiblichen Wassergotthcit mit erhobenem Dreizacke
auf das glücklichste gelöst; einfach und doch lebensvoll ist sie
von wirklicher Größe, die Silhouette gibt Zeugnis von wohl-
verstandener Anordnung und dabei von ansprechender Anmut.

D2. Hildesheim. Die Beteiligung an der Konkurrenz
für das Hierselbst zu errichtende Bischof Bern ward-Denk-
mal (vergl. S. 109 d. Jahrg.) ist eine ziemlich rege gewesen.
Es haben zu derselben sieben Künstler neun Entwürfe einge-
sandt, und zwar die Bildhauer Küsthardt (Hildesheim) und
Fuchs (Köln) je zwei, die Bildhauer Kuno von Üchtritz
(Berlin), Nassau (Dresden), F. Hartzer (Berlin), Moritz
W o l f f (Berlin) und JojePb Füshaus (Düsseldorf) je einen.
Über den Zusammentritt der Jury in Berlin und die öffentliche
Ausstellung der Entwürfe hier und in Berlin, ist näheres noch
nicht bekannt geworden.

Dt. Das von Professor Bühlmann gezeichnete und von
Professor Alex. Wagner mit Beihilfe von L. Schönchen
gemalte Panorama von Rom zur Zeit des Konstantin ist jetzt
endlich fertig und mit dem Triumpheinzug Konstantins nach
der Schlacht an der Milvischen Brücke von Professor Wagner
staffiert worden. Im vorigen Sommer unvollendet ausgestellt,
hat es durch die nochmalige Überarbeitung in diesem Winter
noch sehr an Wirkung gewonnen. In seiner auf dem
gründlichsten Studium beruhenden sorgfältigen Durchführung,
bildet es einen höchst erfreulichen Gegensatz zu den vielen über-
eilten und liederlich durchgeführten Arbeiten dieser Gattung,
durch welche diese doch so dankbare Knnstform im Begriffe war,
bei uns allen Kredit zu verlieren. Selbstverständlich liegt hier
das Interesse durchaus in den mit ganz merkwürdigem Scharf-
sinn rekonstruierten Bauwerken der ewigen Stadt, die aber oft
mit geradezu blendender Wirkung dargestellt sind und das feinste
Studium der Luftperspektive zeigen. Es ist das um so verdienst-
licher, als das heutige Roni im Grunde doch nur ziemlich dürftige
Anhaltspunkte zu einer Darstellung des alten bildet. — Ein
Vorteil ist offenbar auch, daß die meist in großer Ferne ge-
sehenen Figuren eine immerhin nur untergeordnete Rolle im
Ganzen spielen, da sie die Illusion der Wirklichkeit in der Ent-
fernung weit weniger stören können als in der Nähe) wo ihre
Regungslosigkeit die Täuschung alsbald aufhebt, während man
ein fernes Menschengewühl sehr täuschend wiedergeben kann.
Nächst dem von Simmler und Ecken brecher hergestellten
Panorama von Kairo und dem Piglheinschen von Jerusalem,
ist dieses offenbar das beste, welches bisher in Deutschland gelungen.

Stettin. Die Jury für das Hierselbst zu errichtende
Kaiser Wilhelm- und Kriegerdenkmal hat ihre Entscheidung ge-
troffen. Von den zahleich eingegangenen Entwürfen wurden sieben
zur engeren Wahl gestellt, nämlich die von Brunow (Berlin),
R. Felderhoff (Berlln), Ernst Herter (Berlin), H. Hidding
(Berlin),Karl Hilgers (Charlottenburg), MaxKruse (Berlin)
und Seffner (Leipzig). Aus diesen wurde dem Entwürfe von
Karl Hilgers der erste Preis von 5000 Mk., dem des Bild-
hauers Brunow der zweite Preis mit 3000 Mk. und dem von
Seffner der dritte Preis mit 2000 Mk. zuerkannt. Trotz dieser
Preiszuerteilung ward kein Entwurf als für die Ausstihrung
geeignet befunden, vielmehr ist beschlossen worden, unter den
drei prämiierten Künstlern und unter Zuziehung von Felderhoff
und Hidding nochmals eine engere Konkurrenz zu veran-
stalten, deren Ergebnis mit 'größter Spannung entgegen-
gesehen wird.

kt. Frankfurt a. M. 'Die infolge eines öffentlichen
Wettbewerbes mit dem ersten Preise ausgezeichnete Atlas-
gruppe des hiesigen Bildhauers Gustav Herold ist von der
Braunschweiger rühmlichst bekannten Howaldtschen Kunstanstalt
in Kupfer getrieben und nunmehr auf dem vorderen Faffaden-
giebel unsers neuen Empfangsgebäudes vom Hauptbahnhofe
zur Aufstellung gelangt.

* In Dresden starb am 7. April d. I. der Landschafts-
maler Prof. Woldemar Rau. Derselbe war am 5. August
1827 in Dresden geboren und ursprünglich zum Lithographen
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