Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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IV. Jahrgang. Heft 18

i6. Mm 1889

tzerauFgegeüen von Friedrich Zpecht

»Die Kunst sür Alle" erscheint in halbmonatlichen Heften von 2 Bogen reich illustrierten Textes und 4 Bilderbeilagen in Umschlag geh. Abonnementspreis im
Buchhandel oder durch die Post MeichsPostverzeichniz Sir. 3259, bayr. Verzeichnis 415) S Mark 60 Pf. für das Vierteljahr (S Hefte); das einzelne Heft 75 Pf. —
Inserate die viergejpaltene Nonpareillezeile 50 Pf. 12,000 Beilagen 72 Mark, bei größerem Format oder Umfang Preisanfschlag.

Hermann Vogel-Mauen

Vom Herausgeber


ie „Kunst für Alle" hat
schon mehrfach Veranlassung
gehabt, auf die schöne Be-
gabung dieses echten Nach-
folgers Ludwig Richters
hinzuweisen, der ganz Auto-
didakt, uns wieder einmal
glänzend beweist, wie ein gesundes Talent sich durch alle
Hindernisse durchzuarbeiten vermag. Zu der Reihe von
Arbeiten aber, die wir heute von ihm bringen, fehlten
uns als verbindendes Glied Notizen über das Leben und
den Bildungsgang ihres Verfassers; als wir uns um
dieselben an ihn wandten, erhielten wir die hier folgende

m- Runs für All- IV

Selbstbiographie, die wir und gewiß auch die Leser mit
uns viel zu interessant fanden, als daß wir sie als bloßes
Material hätten benützen mögen. Nachdem uns der Künstler
mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit gestattet, sie unverändert
wiederzugeben, lassen wir ihm um so lieber das Wort, als
er nicht nur desselben offenbar in ungewöhnlichem Grade
mächtig ist, sondern auch da genau dieselbe phantasie-
volle, mit dem glücklichsten Humor und bei aller Frische
mit dem sichersten Takt für das Angemessene begabte
Persönlichkeit ausspricht, wie in den Zeichnungen, also
auch hier dasselbe Stilgefühl zeigt, das bei ihnen so
erquicklich wirkt.

-i- *

„Ich bin der Sohn eines Baumeisters aus Plauen im
sächsischen Vogtland und stehe jetzt im 34. Jahre meines
Junggesellendaseins. Mein seliger Vater war eines jener
stillen Talente, welche die leidige Armut und mangelnde
Kunstpslege der Zeit auf den Weg des Handwerks gewiesen
hatten, nachdem er vergeblich versucht, die Künstlerlaufbahn
einzuschlagen. Er war ein in allen Fächern. der bildenden
Kunst hochbegabter Mann und das was ich ihm absah, ist
bis heutigen Tags eigentlich meine einzige Schule gewesen.
Wenn Sie mir gestatten, sende ich Ihnen einmal die Bibel
zu, welche er als Maurergeselle im Auftrag des Plauenschen
Superintendenten illustriert hat. Ich selbst ward trotz der
künstlerischen Neigung des Vaters und eigener frühgezeigter
Begabung für den juristischen Beruf bestimmt und absol-
vierte als braver Schüler mit der zweitbesten Zensur
meinen maturus. Tann bezog ich im Jahre 1873 als
stuck, jur. die Universität Leipzig; Institutionen und
Pandekten wurden gehört aber nicht begriffen, dafür
fleißig Kollegienhefte illustriert; im zweiten Semester hörte
ich fast nur Kunstgeschichte bei Overbeck, Springer und
Jordan, und als die Osterferien 1874 kamen, da nahm
ich meine Mappe mit nach Dresden, wo mein Bruder im
Atelier Nicolais war und vier Wochen später gab mein
endlich umgestimmter Papa dem neuen Kunstnovizen seinen
Segen. Ter Rat I. V. von Scheffels, der mir eine wohl-
wollendeAufmerksamkeit schenkte, hatte denAusschlag gegeben.

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