Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Römerbriefe. Do» Or. H. Bartl; — Bilder-Lrwerbmigen des Goethehauses in Frankfurt a. IN. von G. Oonner-v. Richter 28t

zurückpassieren, um uns nach »Ir> arte libertasr zu
begeben.

»In arte libertasr, begründet Vvn sechzehn römi-
schen Meistern, denen sich als „Gäste" noch Knüpfer,
Kopf, Hebert rc. angeschlossen haben, zählt kaum dreißig
Gemälde und nur vereinzelte Skulpturen. Die Perlen
der Ausstellung — die trotz ihrer distinguierten Pro-
tektoren durchaus nicht nur Perlen beherbergt — sind
vier Lenbachs (darunter ein Kniestück Joseph Kopfs);
ferner zwei unvollendete Skizzen Böklins (Mythologische
Stoffe), ein in I. Kopfs Besitz befindlicher Menzel
(Porträt eines verkommenen Genie) und vier vorzügliche
Marinemotive Knüpfers. Der Direktor der französischen
Akademie, Hebert, hat das Unglück, mit einem gründlich
verzeichneten, wenn auch koloristisch nicht Übeln Bilde
„Sabina" zwischen zwei Lenbachs zu geraten. In
den Skulpturen finden wir einige Kopfsche Büsten
(Döllinger und Henzen). Und hiermit kehren wir dem
Ausstellungspalastc den Rücken, nicht ohne den freund-
lichen Leser noch auf ein auch die Kunstkreise berührendes
Ereignis aufmerksam zu machen, das sich in Rom voll-
ziehen wird. Am 9. Juni wird unter großen Feierlich-
keiten und unter Beteiligung fast aller Hochschulen der
Welt das von Ferrari geschaffene Denkmal Giordano
Brunos auf dem Campo de fiori enthüllt werden. Ein
Ereignis, das allerdings vorwiegend politischer Natur ist,
wenn anch Ferrari, der Bildner des Viktor Emanuel-
Denkmals in Venedig, zu den ersten Künstlern seines
Vaterlandes gehört.

Bilder-Erwerbungen des Goethehauses in
Frankfurt a. M.

Von Vtto Donner-von Richter

">?»as freie deutsche Hochstift in Frankfurt a. M. hat durch die
Gunst zweier Gönner, des Herrn Konsul Becker und
des Herrn Viktor Mößinger als Geschenke für das Goethe-
haus zwei Gemälde erhalten, welche zu demselben in engstem
Konnexe stehen und uns auf das lebhafteste die Schilderungen
ins Gedächtnis zurückrufen, welche Goethe in „Wahrheit und
Dichtung" über die künstlerischen Liebhabereien seines Vaters,
namentlich aber über jene des Königsleutnants Grafen von
Thorane gibt. Ja, diese Gemälde sind wahre Illustrationen jener
Mitteilungen, in welchen Goethe voll Humor erzählt, wie Gras
Thorane auf den Einsall kam, die verschiedenartigen Talente
der Künstler, die für ihn arbeiteten, wie der Landschaftsmaler
Schütz, der Tiermaler Hirt, der Figurenmaler Seekatz,
innerhalb eines und desselben Rahmens zu verwenden. „Der
Anfang," so erzählt er, „ward sogleich damit gemacht, daß man
z. B. tu eine fertige Landschaft noch schöne Herden Hineinmalen
ließ. Weil nun aber nicht immer der gehörige Platz dazu da
war, es auch dem Tiermaler auf ein Paar Schafe mehr oder
weniger nicht ankam, so war endlich die weiteste Landschaft zu
enge. Nun hatte der Menschenmaler auch noch die Hirten und
einige Wanderer hinein zu bringen; diese nahmen sich wiederum
einander gleichsam die Lust und man war verwundert, wie sie
nicht sämtlich in der freiesten Gegend erstickten. Alan konnte nie-
mals voraussehen, was aus der Sache werden würde, und wenn
sie fertig war, so befriedigte sie nicht. Die Maler wurden ver-
drießlich. Bei den ersten Bestellungen halten sie gewonnen, bei
diesen Nacharbeiten verloren sie, obgleich der Graf auch diese sehr
großmütig bezahlte.

Diese Arbeiten wurden von den genannten Künstlern in
dem zu diesem Zwecke als Atelier eingerichteten Mittelzimmer des
dritten Stockwerkes ausgeführt und der junge Wolfgang war

Die Kunst für Alle IV

dabei ein häufig anwesender Gast; ja, es wurde ihm sogar von
den Künstlern gestattet: „aus den Studien, besonders der Tiere,
dieses und jenes einzelne, diese oder jene Gruppe auszusuchen
und sie für die Nähe oder Ferne in Vorschlag zu bringen."
Von den so zu stände gekommenen Gemälden hatten wir bisher
keine Vorstellung, denn sie wanderten mit den großen Tapeten-
gemälden, welche für das Schloß des Bruders des Grasen
Thorane zu Graste in der Provence bestimmt waren, nach
Frankreich, und da die Künstler sich ohnedem über diese ge-
meinschaftlichen Arbeiten fast entzweit hätten, so ist nicht an-
zunehmen, daß sie aus freien Stücken noch häufiger solche Ar-
beiten ausgeführt haben sollten, um so mehr, da Senkatz in Darm-
stadt lebte und nur zeitweise nach Frankfurt kam. Aber ohne
Zweifel haben zwei dieser Bilder ihren Rückweg nach Deutschland
wieder gefunden und zwar durch den belgischen Baron von Vellens,
welcher in Homburg v. d. Höhe eine Stellung in der Verwaltung
der Spielbank einnahm und mit Vorliebe Bilder von Frankfurter
Künstlern aus der Goetheschen Jugendzeit sammelte. Schreiber
dieses erinnert sich sehr wohl, daß ihm Baron Vellens in den
fünfziger Jahren gelegentlich erwähnte, er habe Aussicht, in
Frankreich, woselbst er viele Beziehungen hatte, einige Gemälde
dieser Art zu erhalten. In der Thal berechtigen die beiden ein-
gangs erwähnten Bilder, welche nach dem Tode des Baron Vellens
in Homburg dortselbst in Privatbesitz übergingen und kürzlich in
Franksurt zum Verkauf ausgeboten wurden, zu der Annahme,
daß mir in ihnen zwei Exemplare der geschilderten, gemeinschaft-
lichen Arbeiten vor uns haben, welche aus dem Besitze des
Grafen Thorane stammen. Näheres über ihre Wanderungen ist
nicht mehr festzustellen.

Die beiden Gemälde sind Landschaften von ca. 0,70 cm
Länge und entsprechender Höhe. Beide stellen Waldlandschaften
vor mit etwas Wasser im Vordergründe, einzelnen Baumgruppen,
wie wir sie am Rande eines Waldes finden, den Blick ins flache
Land offen lassend. Die eine ist in Morgenbeleuchtung, die
andre in Abendlicht gehalten, beide, namentlich die erstere, in
Anlehnung an die alten Niederländer von ganz vortrefflicher,
gewissenhafter Ausführung und sehr schöner Farbenwirkung,
Leistungen, wie sie Schütz nicht häufig zu stände brachte, so daß
man wohl fühlt, daß er sich hier bemühte, sein Bestes zu thun.
Zahlreiche Kühe und Ochsen, Schafe und Ziegen bewegen sich
in den Landschaften, teils zur Tränke gehend, teils sich im Walde
zerstreuend. Die Figuren dagegen sind nur in geringer Zahl
angebracht. Auf der Morgenlandschaft sitzt nur am Rand des
Wassers die Hirtin mit einem Buben, auf der Abendlandschaft
jagt im Vordergrund ein Junge mit erhobenem Stock einige Tiere
weg, und im Hintergründe sieht man noch einige kleine Figuren,
die Tiere herbeitreiben. Kurz, die von Goethe gegebene Schilderung
paßt in jeder Einzelheit. Nicht minder entspricht die Technik
jener der mutmaßlichen Autoren: des Tiermalers Hirt und des
Figurenmalers Seekatz, welche hier alle offenbar ihr Bestes
leisteten.

Allerdings aber machen sich in diesen beiden Gemälden die
von Goethe gerügten Mißstände bemerkbar, jedoch nicht in einem
Grade, daß die Bilder dadurch in ihrer Wirkung beeinträchtigt
würden; der Betrachtende findet sich nur zu der Reflexion ver-
anlaßt, daß der Landschaftsmaler jür seine Zwecke diese reiche,
mühevolle Staffage hätte entbehren können, und man wundert
sich, daß er zu gleicher Zeit ein so geschickter Tiermaler gewesen
sei, der so viel Fleiß auf die subtile Ausführung der Herden
verwendete.

Das Mittelzimmer des zweiten Stockwerkes, welches zwischen
dem Arbeitszimmer des alten Herrn Rat und dem Schlafzimmer
des Ehepaares lag, war das sogenannte „Gemäldezimmer" und
in dieses wurden die beiden, für das Goethehaus so unendlich
wertvollen Gemälde aufgehängt, zugleich mit ihnen einige von
der Ausstattungskommission erworbene kleinere Gemälde von
Schütz, Seekatz und Trautmann, so daß der Besucher des
Goethehauses nunmehr ein Stück der Jugendgeschichte des Knaben
Wolfgang in demselben zur Anschauung gebracht findet. Das
ehemalige Atelier, in welchem die Maler eine Zeit lang hausten,
wurde später das Arbeitszimmer des jungen vr. jur. Goethe und
aus ihm gingen „Clavigo", „Götz von Berlichingen", „Werther"
und manche andre Werke des jugendlichen Dichters hervor.

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