Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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von Friedrich pecht

2Y,

Während darum jene Zeit noch die unversöhnbarsten Gegensätze mit ihren diplomatischen Künsteleien
verdecken zu können glaubte, kann man ihre Unvereinbarkeit selbst auf Heß' Meisterwerk sofort erkennen. Werden
nun wenigstens einzelne unter uns die heutige Zeit mit derselben Schärfe und schlichten Wahrheit schildern,
wie Heß die seine, und ihren Schöpfungen dadurch ewige Dauer verleihen?

Gab Heß die Wirklichkeit mit nüchterner Wahrhaftigkeit wieder, so stellte Cornelius ein gutes Stück
der idealen Welt der damaligen Epoche dar. Das jüngste Gericht sehen wir auch heute noch bevorstehen; wird
aber auch jemand die Kraft oder den Mut
haben, es von unsrem Standpunkt aus so
gewaltig ergreifend zu schildern, wie es
Cornelius vom seinen that? Haben wir
überhaupt noch eine ideale Welt, oder den
Glauben an eine ausgleichende Gerechtigkeit?

Die kühne Unternehmung der
Münchener Künstlerschaft, alljährliche Aus-
stellungen zu veranstalten, wird Antwort
geben auf alle diese Fragen, wenn sie so
glückt, wie es bis jetzt den Anschein hat.

Auch auf die wird sie Bescheid wissen, ob
junge Talente vorhanden sind, welche das
Zeug dazu haben, der Nation dereinst die
heute noch schaffenden, aber doch allmälich
auf der Höhe des Lebens angelangten
Meister und Träger unsrer Kunst zu er-
setzen, ja ihr neue Gebiete zu erobern.

Ist unsre ganze moderne Gesellschaft un-
leugbar in einem gewaltigen Umwandlungs-
prozeß begriffen, arbeitet sich jetzt der vierte
Stand mit Macht herauf, wie vor hundert
Jahren der dritte, so muß das sich in
der Kunst notwendig wiederspiegeln. Nicht
weniger muß es die gewaltige Veränderung
thun, die mit den religiösen Ideen eines
großen Teiles unsrer Nation vorgegangen,
während ein nicht weniger bedeutender
die alten Formen, ohne es zu wollen,
wenigstens mit einem neuen Geiste erfüllt.

Unser Glaube ist so eine Religion der thä-
tigen Menschenliebe geworden und Deutsch-
land ist sogar allen andern Nationen darin
mit gutem Beispiel vorangegaugen. Man
hätte blind und taub sein müssen, wenn
man die zahlreichen Spuren dieses Über-
gangs nicht schon in unsrer vorjährigen
Ausstellung entdeckt hätte; werden wir sie
diesmal noch deutlicher ausgeprägt finden?

Soll aber die Kunst ein Spiegel des Lebens sein, so muß sie dasselbe mit seinen Idealen und seiner
mehr oder weniger rauhen Wirklichkeit nicht nur verstehen, sondern auch im stände sein, es täuschend getreu
und zugleich erfreulich wiederzugebeu. Ihr Können ist also nicht weniger wichtig als ihr Wollen, der
Spiegel muß klar, scharf und ungetrübt wiedergeben, wenn er seinen Beruf erfüllen soll. Hat sich nun dies
Können gesteigert oder zeigt es jene Spuren der Ermattung, jene mangelnde Schärfe der Charakteristik, jene
Tendenz zu flacher Verschwommenheit, die, neben der Neigung die Bravour an die Stelle der Strenge zu setzen,
das Kennzeichen aller sinkenden Perioden sind? Wir werden darüber unsre Beobachtungen ebenso freimütig
mitteilen, als vor allen Dingen suchen, unsre Leser zu eigenem selbständigen Urteil in stand zu setzen, durch
die zahlreichen Abbildungen der bedeutendsten Werke, die wir ihnen bringen zu können hoffen. — Und so
wollen wir denn dem Kommenden um so fröhlicher ins Gesicht sehen, je mehr Reizvolles und Überraschendes
es uns bringen wird.

Zwiegespräch, von Max von Schmädel

Erste Münchener Iahres-Ansstellung 1889
Photographieverlag der photographischen Union in München

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