Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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von Vtto Brandes

sommernachmittags, in welcher selbst der Vogelstimme
Klang verstummt, mit seiner vibrierenden Atmosphäre
ausgegossen. Andern gefällt der prachtvoll modellierte
Stier Rolls mit dem halbnackten, mageren Bauernjungen,
der denselben am Strick führt, besser.

Jean Paul Laurens „Männer des heiligen Offi-
ziums" schildert uns das Innere eines weiten, weißen
Klostergewölbes, durch dessen säulengetragenes Bogenfenster
das Helle, volle Licht dringt. In der Mitte des Raumes
sitzt ein Dominikaner auf einem auf einem Podium
stehenden Armsessel, den Kopf mit dem unbeweglichen

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was der toulonsische Meister bisher auf dem mit Vorliebe von
ihm kultivierten Gebiete der Jnquisitionsmalerei geschaffen.

Und nun Dawants, eines Schülers Laurents,
dramatisches Gemälde „Die Rettung". Die „Viktoria"
hat Schiffbruch gelitten. Ein Rettungsboot ist in die
zornige See herabgelassen. Schon ist dasselbe mit Reisenden
aller Art gefüllt, die verzweiflungsstumm sich auf den Grund
des Bootes gleiten lasten, oder entsetzt in das wogende
Meer hinansstarren. Die Matrosen suchen das Boot mit
übermenschlichen Kräften in der Nähe des sinkenden
Schiffes zu halten, von dessen Seiten man an Tauen die

Liebesidplle. von lv. A. Sh ade

Erste Münchener Iahres-Ansstellung 1889
sshotographieverlag der photographischen Union in München

Gesicht nachdenkich auf den linken Arm gestützt, dem Vor-
trage eines an einem langen Tisch sitzenden Mönches aus
einem Pergamente lauschend, während an dem andern
Ende des Tisches, unmittelbar unter dem Fenster ein
zweiter Mönch ebenfalls in der weißen Kutte der Domini-
kaner, und wie dieser, die Kaputze über den Kopf ge-
zogen, arbeitet. Trotz des frohen Sounenlichtes ist über
das Bild eine eisige Strenge verbreitet. Man fühlt, daß
diese Männer hier der weichen' Stimme der Natur nicht
zugänglich, verknöcherte Erscheinungen des Mensch ge-
wordenen und unerbittlichen Gesetzes sind. Ein leichtes
Schütteln erfaßt uns, hier herrscht nicht die Leben bildende,
trauliche, sondern die Existenz zerstörende, unheimliche
Ruhe. Diese Studie in Weiß gehört mit zu den besten,

zu Rettenden herabläßt. In den Armen eines Matrosen
schwebt zwischen Himmel und Erde ein Kind, bei dessen
Anblick die bereits geborgene Mutter, unbekümmert um
die daraus für die Mitpassagiere erwachsende Gefahr,
verzweifelnd aufspriugt und nur mit Mühe von einem
andern Matrosen auf ihren Platz zurückgezwungen werden
kann. In der Spitze des Bootes steht »traiuxuillus
saevis in unckis« der dasselbe kommandierende Offizier
und erteilt, auf ein vom Schiffe zugeworfenes Tau deutend,
einer alten Teerjacke seine Befehle. Die männliche Ruhe
der Seeleute steht im wohlthuenden Gegensatz zu der
Erregung der Insassen. Alles das ist volles, bewegtes
Leben, ohne jeden theatralischen Tand und von unmittel-
barster, den Atem versetzender Wirkung.
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