Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Das Aönig Johann-Denkmal in Dresden — Personal- und Ateliernachrichten

das Füllhorn in der Hand, an einem Stiere. Die umgebenden
Gruppen schildern Pflügen, Säen und Ernten (als Symbol alles
menschlichen Ringens in der Arbeit!). Daran schließen sich links
die Pflegerin des Obstbaumes, der junge Schäfer und die Winzerin,
rechts der Waldhüter und der Jäger. Dazwischen sehen wir ein
junges Mädchen, welches am Waldquell Wasser schöpft.

An der nördlichen Langseite sind Handel und Verkehr ge-
schildert. In der Mitte steht die Gestalt des Handels mit schätze-
reichem Füllhorn, den Herinesstab in der Hand. Links folgen
der Bergbau, das Hüttenwesen, der Handel mit Rohprodukten,
der Buchhandel und die Photographie. Der Verkehr zu Lande
wird durch die Lokomotive und durch das Telegramm, welches
als Botin vor dem Dampfroß vorüberhuscht, veranschaulicht.
Reben der Figur der Elbe, welche Wasser und Fische aus der
Urne gießt, sind der Handelsverkehr zu Wasser, die Kettenschlepp-
schiffahrt, Wasser- und Brückenbau, endlich die Fischerei dar-
gestellt.

Zwischen den Friescndcn ist auf der Stirnseite daS sächsische
Wappen, von Rautcnzweigeu und Fruchlschnüren umgeben, an-
gebracht. Auf der Rückseite trägt eine Tafel zwischen Frucht-
schnüren die Inschrift: Errichtet 1889. Das Denkmal hat eine
Gesamthöhe von 13,50 m, der gesamte Unterbau mit den Syenit-
stufcn mißt 7,85 m, die Relief tragenden Teile der Basis sind
zusammen 6,30 m lang, 4,60 m breit und 1,75 m hoch. Die
Kandelaber steigen zu einer Höhe von 2,40 m empor, das obere
Postament ist 5,90 m lang, 3 m breit und 3 m hoch.

Das Urteil über das Denkmal wird verschiedene Punkte
zu berücksichtigen haben. An und für sich können wir uns für
den Gedanken, König Johann als Reiter unbedeckten Hauptes
und nach der naiven oder idealen Anschauung des Märchens
im Königsmantel und mit dem Szepter ini Arme im Freien
aufzustellen, wenig begeistern, wir würden für den vornehmen
Geistesaristokraten, der weniger in der Öffentlichkeit und als
Feldherr, weitmehr aber und zwar in ganz bedeutender Weise
ans dem Gebiete der Gesetzgebung, der Verwaltung und der
Wissenschaft thätig gewesen ist, eine andere Form des Denkmals
gewünscht haben. Von der Persönlichkeit des Königs Johann,
wie wir ihn durch Dresdens Straßen oder Umgegend haben
reiten sehen, ist im Denkmal nichts vorhanden. Es ist in dieser
Beziehung nur der ideale und allgemeine Friedensfürst darge-
stellt; dem Antlitz allerdings wird von allerhöchster Seite be-
deutende charakteristische Ähnlichkeit nachgerühmt. Verlassen wir
nnscrn obigen Standpunkt und bedenken wir, daß es galt, dem
Theaterplatzc einen monumentalen Abschluß und einen plastischen
Höhepunkt zu geben, so muß anerkannt werden, daß das Denk-
mal vermöge seiner Abmessungen und seines Aufbaues diesem
dekorativen Zwecke wohl gerecht wird. Der Anblick von der
Seite ist übrigens günstiger als der von vorn.

Die vier Kandelaber sind nicht glücklich erfunden. Sie
sollen der Erklärung nach „gleichsam Verkünder des reichen
geistigen Lebens" sein, sollen „als Fackel kriegerischen Mutes,
als Leuchte der Wissenschaft, als Flamme künstlerischer Be-
geisterung und als Prometheussunke der Intelligenz urbildlich
die regsten Regungen der sittlichen und geistigen Kraft des
Volkes andeuten". So etwas können indes Kandelaber mit
dem besten Willen nicht thun. Sie geben nur je nach ihrer Art
und Verwendung die Stimmung feierlichen Ernstes oder festlicher
Pracht: in der gewählten Form verfehlen sie diesen ihren Zweck.

Die Relieffriese enthalten an und für sich nächst dem
Kopfe das beste, was das Denkmal an Einzelheiten bietet;
namentlich weist die Darstellung der Bodenkultur reizvolle Gruppen
und Motive auf. Am ansprechendsten sind aber die Idealfiguren
der Künste, während in den Schilderungen des wirklichen Lebens
vielfach die Typen der Gesichter und der Bewegungen zu allgemein
und konventionell gehalten sind, als daß sie uns mit dem vollen
Reiz eines lebensfrohen Realismus zu packen vermöchten. Eine
rechte architektonische Beziehung zwischen Reiter und Relieffries,
also eine einheitliche Zusammenfassung der verschiedenen Teile
zum Ganzen ist nicht gegeben; die Teilung des Postaments in
zwei Hälften, deren obere ärmlich dekoriert erscheint, ist für die
Größe der Figuren im unteren Relieffriese nicht günstig gewesen.

Als eine Besonderheit in der Ausführung ist noch zu er-
wähnen, daß die Haare des Pferdes (durch Tausende von Hammer-
schlägen) einzeln dargestellt sind, wodurch die sonst übliche un-
natürliche Glätte vermieden ist. Es bleibt indes abzuwarten,
ob dies bei den Dresdener Rußverhältnissen am Platze war.
Das Pferd ist übrigens edel in Bewegung und Formengebung;
nur erscheint der Hals nicht voll und ansehnlich genug. Noch
sei endlich bemerkt, daß das Denkmal von der Knnstgießerei von

Albert Vierling in Dresden gegossen worden ist: die Erz-
mischung besteht aus 93 Proz. Kupfer und 7 Proz. Zinn. *

Personal- und Akeliernachrichken

— Zürich. Das Atelier des jüngst zum Ehrendoktor
der hiesigen Universität promovierten Professors Arnold Böck-
lin haben kürzlich zwei große Schöpfungen verlassen. Zunächst
ein dreiteiliges religiöses Werk „Die Himmelskönigin". Das
schmale hohe oben abgerundete Mittelfeld nimmt eine Dar-
stellung der Jungfrau Maria nnt dem Kinde ein, die, wenn
auch in der Form nicht erheblich von der Konvention ab-
weichend, in der Farbe ganz „Böcklin" ist. Viel deutsicher
spricht sich das eigenartige Talent des Meisters in den beiden
großen Seitenbildern aus. Das linke stellt die „Geburt Christi"
dar. In einem Stall hat Maria das Christkind auf dem Boden
in Heu gebettet, sie selbst kniet in stummer Andacht davor, drei
Engel schauen durch das Fenster. Das rechte Seitenbild ver-
anschaulicht uns die Rückkehr der Maria vom heiligen Grabe.
In tiefstem Seclenschmerze wendet sich Maria noch einmal zurück;
die Zusammeubrecheude wird von Johannes gehalten, während
Maria Magdalena im Hintergründe steht. Wohl lassen sich die
Formen beschreiben, nicht aber bei einem Böcklinschen Bilde die
Farben, die wiederum mit fast dämonischer Gewalt die Sinne
des Beschauers gefangen nehmen. — Ein zweites Bild Böcklins
ist weltlicheren Charakters; es behandelt die alte Geschichte von
der schönen Susanna im Bade und den beiden Alten. Man
erblickt den Halbkreis eines Wasserbassins, welches von einer
wunderbar gemalten roten niedrigen Steinwand abgeschlossen
ist. Uber diese beugen sich die zwei Alten, um die am Bassiu-
rand sich niederkauernde Susanna, deren Schulter der eine wohl-
gefällig betastet, zu belauschen. Das Ganze ist von wunderbarer
Farbenwirkung, die beiden Alten sehr realistisch gemalt, ebenso
das Stoffliche, so besonders ein koloristisch vorzüglicher Kaftan.

— Budapest. Professor Bene zur arbeitet zur Zeit
an einem Kolossalbilde aus der ungarischen Geschichte „Sieges-
einzug in die Festung Ofen 1686", bestellt von der Stadt
Budapest anläßlich der Bisäkularfeier 1886. Ungarische, öster-
reichische, bayrische und brandenburgische Truppen unter der
Führung Karls von Lothringen und Max Emanuels von Bayern
bilden den Zug, Pebnehazy-Heiducken knieen im Vordergründe
vor der Leiche Abdurrahmans, des letzten Türken-Paschas in
Ungarn. Ferner sahen wir im Atelier des Künstlers, dem in
der Historienmalerei wohl nur Munkacsy den Rang streitig
machen kann, eine erste Ölskizze zu einem Altarbilde für die
neue Leopoldstädter Basilika: Stephan, der ungarische National-
heilige, stellt die ungarische Krone in den Schutz der Maria,
welche mit dem Jesuskinde oben in den Wolken erscheint.

s. k. R o m. Der Landschaftsmaler Salomon Corrodi,
der seit 56 Jahren in Rom lebt und in dieser Zeit ein Leben
voll ununterbrochener echter Künstlerarbeit geführt hat, konnte
im vor. Monat seinen 80. Geburtstag bei rüstiger Gesundheit
begehen und zugleich einem Cermouialfest beiwohnen, welches
gelegentlich seiner Ernennung zum Professor der Akademie San
Luca stattfand. Wer Italien kennt und lieb hat, kennt auch
den Nestor der römischen Künstler, Salomon Corrdi. Seine
Aquarelle, welche die Schönheit des Südens in leuchtenden
Farben darstellen und mit Vorliebe ihre Stoffe der Gegend des
Golfs von Neapel und der Villenwelt des Albaner und Sabiner
Gebirgs entnehmen, sind in der ganzen Welt, namentlich in
England, Rußland und Amerika verbreitet, wo auch seine Kunst
in den Galerien bestens vertreten ist. Noch immer ist der
Künstler im Stande, seine Kunst mit schönstem Erfolg zu
üben; zittert die Hand des weißlockigen Greises wohl auch,
wenn sie den Pinsel ergreift, so wird sie sofort fest und
sicher, wenn letzterer auf dem Karton oder der Leinwand zur
Arbeit ausetzt. Sein Atelier liegt gegenüber dem berühmten
seines Sohnes Hermann in der Via ckegli mcursdili, welches
Gsell-Fels mit Recht als das künstlerisch-schönste in Rom
bezeichnet. Dieser, der von seinem Vater den feinen Sinn für
die malerischen Reize der südlichen Landschaft geerbt hat und in
Öl und großen Stils das Gebiet der Malerei ausbaut, das
jener erschlossen, hängt mit großer Liebe und Zärtlichkeit an
seinem Vater; hat er ihn doch auch für den Verlust eines zweiten
Sohnes zu entschädigen: Arnold Corrodi, der gleich seinem
Bruder ein hochbegabter Maler war und im Beginn einer
glänzenden Laufbahn, vor 15 Jahren nun, ganz plötzlich ver-
starb. Wie in seiner Familie genießt der achtzigjährige Doyen
der Künstler Roms auch im Kreise der letzteren eine außerge-
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