Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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35^ Die erste Münchener Jahres-Ausstellung ;88g. V. Die Sittenbilder

so bei Hamzas sehr zierlichem „Abschied" das Österreichertum, das dann bei Friedl anders vor der
Staffelei eines Malers sich bewundernden Invaliden noch deutlicher und wohlthuend zugleich hervortritt. In
dieser feinen Charakteristik der verschiedenen Stämme und Nationalitäten hat die moderne Malerei aber ein viel
fruchtbareres und interessanteres Feld als im plein nir-Studium. Freilich braucht man auch mehr Talent
dazu. Zu den schönsten dieser Interieurs gehört dann Paul Höckers „Schusterwerkstätte", wo man die
Kerle so fleißig arbeiten sieht, daß einem beinahe selber der Schweiß ausbricht und man das Pech zu riechen
glaubt. Auch seine Liebeserklärung eines niederdeutschen Seemanns am Kamin (Abb. s. dieses Heft) ist sehr-
drollig und ansprechend gelungen, wie die am Bette eines kranken Kindes eingeschlafene und von der Morgensonne
überraschte junge Nonne sehr rührend und fein beobachtet. Zu diesen durch die Keuschheit der Empfindung
bestechenden Bildern gehört auch Grusts „Ein Lied" singende Mädchen und Beyschlags „Der erste Schritt"
(Abb. s. S. 32l). Viel malerische Wirkung ist auch Paula Monjes „Holländerin", Kühls „Kirchgängern"
(Abb. s. S. 308) dagegen eine sonnige Wirkung nachznrühnien. Urkomisch und dabei mit anerkennenswerter
Feinheit gemacht sind zwei Bildchen der Deutsch-Russin Frau Olga Beggrow-Hartmann, deren erstes uns
einen Schusterjungen zeigt, der sich mit gravitätischer Würde Feuer für seine Zigarre von dem gerade in der Küche
anwesenden langen Kaminfeger erbittet, während wir auf dem andern das Ideal eines Lausbuben sehen, der
sich in die Speisekammer geschlichen und nun entzückt nicht weiß, wo er zuerst zugreifen soll. Beides ist gleich drollig
und zugleich mit einer gewissen Anmut gelungen. Diese mit großer Feinheit gegebenen miniaturartig kleinen
Bilder sind in so großer Anzahl da, daß sie einen speziellen Vorzug dieser Ausstellung, und einen sehr
wohlthätigen Gegensatz zu den andern bilden, wo die Leinwand so viel größer war als das Können des Malers.
So Buchbinders reizend ausgeführte zwei Kartenspieler, von denen besonders der Gewinnende köstlich
charakterisiert ist, Löwiths witzige Atelierszene (Abb. s. Heft 20), Kozkaiewicz' Marktag in Polen, Seilers
prächtiger Kardinal und überaus feine Zopfszene, Rob. Schleichs ganz reizender Markt aus Oberbayern,
Veltens Biwak, Harburgers drei kleine Perlen, Max Todts Sänger, Streitts drollig zärtliches, russisches
Liebespaar rc. rc. Natürlich gibt es auch traurige Szenen aus dem Familienleben mehr als genug. Zu den
besten gehört wiederum das Bild eines ganz jungen Münchener Künstlers, Jasinskis „Die Mutter krank",
wo der Kontrast der in armseliger Kammer sterbend Liegenden mit den ahnungslos vor ihr auf dem Boden
spielenden blühenden Kindern höchst ergreifend gegeben ist. Hoffnungsvoller, aber auch ruhiger läßt uns
Kirbergs Kranke, um die Mann und Töchterchen gleich eifrig bemüht sind. Auch Raupps Begegnung zweier
Kähne auf dem Chiemsee (Abb. s. Heft 19), in deren vorderem die Kinder ruhig schlafen und spielen, während
im Hinteren der Geistliche einem Sterbenden die letzte Wegzehrung bringt, ist sehr wirksam. Mehr oder weniger
glücklich sind dann einige Kinderversammlungen geraten, so der Frau Kunwald Modelleinladung im Atelier,
deren höchst mannigfache Kindercharaktere drollig überzeugend wirken, die Waisenhausschule von Frau
Flesch-Brunningen, eine wendische Schule von Piltz (Abb. s. S. 359), die ein entschiedenes, wenn auch
noch unfertiges Talent offenbart. Sehr hübsch erfunden ist Weisers Karnevalsszene in einem Mädcheninstitut
und dürften die charmanten jungen Damen, die sich so eifrig in wilde Söldner des dreißigjährigen Kriegs zu
verwandeln im Begriff sind, nur etwas feiner individualisiert sein. — Der sich über die Phantasielosigkeit ihrer
Schöpfer mokierenden unzähligen Mädchen im Grünen habe ich schon gedacht; die verhältnismäßig besten dieser
mit Schönheit nicht überflüssig gesegneten Evastöchter geben Uh de und Hugo König. Die des letzteren
scheint sogar den Gebrauch der Seife zu kennen, von der die übrigen offenbar noch nichts gehört. Warum
Lindenschmit seine sonst geistvoll erfundene Komposition „Des Lebens Lust und Last" gleich lebensgroß
ausgeführt hat, während die Gegenüberstellung von einem auf endloser grüner Wiese spielenden eleganten
Liebespaar und einer daneben auf rauhem Wege ein Reisigbündel tragenden Bauernfrau mit einem Töchterchen
doch wahrhaftig das in keiner Weise erforderte, begreift man nicht. Immerhin ist das Bild wenigstens besser
studiert als die meisten andern dieser Spinatgattung. — Ihr gehört auch v. Molitors breitbeinig in einem
Krautgarten stehender Hüterjunge, der aber wenigstens gesundes Naturgefühl zeigt, wenn auch, wie so oft,
Bastien-Lepage bei ihm Gevatter gestanden. Sehr hübsch und zugleich ganz eigenartig idyllisch mutet Jul.
Scholtz' „Feierabend" an, wo Vater, Sohn und Tochter durch ein unabsehbares reifes Getreidefeld von der
Arbeit nach Hause gehen. Ferd. Leeke gab denn eine gut erfundene oder beobachtete Münchener Karnevalsszene,
obgleich er noch zu sehr mit dem Machwerk ringt. Ungefähr dasselbe gilt auch von der Kaffeehausgesellschaft
Köhlers (Abb. s. S. 358). Nicht ohne Talent ist auch K. Blos' Familie gegeben, wo die Frau an der
Wiege sitzt, während der Mann am Schreibpult rechnet (Abb. s. dieses Heft).

Ganz moderne Zustände schildern zwei Düsseldorfer Meister mit ungewöhnlichem Nachdruck. So ist
von erschütternder Wahrheit Bockelmanns Streikszene, wo im Vordergrund die Arbeiterfrauen mit ihren
Kindern ängstlich den Ausgang der Unterhandlungen abwarten, die ihre rebellischen Männer mit dem dicken
Fabrikanten pflegen. Da sind besonders die sehr verschiedenen Charaktere der Arbeiter gut beobachtet. Den
gesundesten Humor zeigt dann Brütts „In der Bildergalerie", wo die Ratlosigkeit, mit der bei uns auch
Gebildete alte Meisterwerke anstarren, und die Neugier, mit der sie die Kopisten betrachten, nebst allerhand
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