Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

Page: 372
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Auf dem Orade

Novellette. von Matilda Zerao*)
Autorisierte Übersetzung von Alfred Friedmann

E'r war ein seltsamer Maler und er malte seltsame

Bilder. Sein großer Vorzug lag in der Kraft der
Erfindung, der Konzeption, welcher er durch energische
Farbengebung Ausdruck verlieh. Seine Sachen gefielen
nicht allen. Am wenigsten denen, welche sich an geleckten,
firniszlatten und bis zur letzten Linie ausgeführten Werken
erfreuen. Sie mißfielen besonders den Liebhabern von
blassen, eleganten Aquarellfiguren, und jenen, die vor
den zarten Tinten und Tönen eines Öldruckes in Ver-
zückung geraten. Diejenigen, welche solch sinnigen, feinen
und einfältigen Geschmack ihr eigen nannten, fanden seine
Bilder hart, zu markig, zu voll von Dingen; aus ihnen
drang eine all zu stark mit Oxigen geschwängerte Luft
in ihre dafür zu schwachen Lungen. Des Malers Land-
schaften waren stets gewaltsam und gequält, mit ge-
brochenen Linien, seine Sonnenuntergänge immer tragisch —
aus dem strahlenlosen Gestirn, roth wie geronnenes
Blut, sprach es wie ein Charakter voller Leidenschaft.
Malte er ein „Interieur" so war cs dunkel, düster; ein
einfacher Hintergrund, ohne Zugeständnisse an die Form,
ohne Künstlerkunststückchen, welche, wenig gewissenhaft,
einen geschnitzten Sessel, ein großes Kamin mehr ins
Licht setzen, als die Menschen auf einem Bilde. Man
rechnete ihm eine gewisse Verachtung der Zeichnung an,
oder auch eine seltsame Art, die Verkürzungen seiner
Figuren zu übertreiben, und endlich ein gewisses Suchen
nach ernsten Stoffen, die zu denken geben. Seine Bilder
hatten Charakter.

Der Künstler war noch jung und kräftig, trotz der
Arbeit von acht bis zehn Jahren, in welcher er sich be-
harrlich zur Geltung zu bringen gesucht hatte in einer
Gesellschaft, in der zu leben nicht jeder das Recht zu
haben scheint. Er war stets ein Arbeiter, nichts als ein
Arbeiter gewesen und der Erfolg lächelte ihm spät, aber
er kam dennoch. —

Er zählte nun sechsunddreißig Jahre und er sah
männlich-kraftvoll aus mit seinem mächtigen Löwcnkopf
von etwas strengen Conturen, mit seinen Herkulesschultern,
die jeder Anstrengung gewachsen waren.

Wenn die Wuth des Malens über ihn kam, blieb
er zwölf Stunden stehend vor der Staffelei, ohne eine
Minute der Müdigkeit zu erliegen, ohne blaß zu werden.
Um eine Landschaft wieder zu finden, wanderte er Stunden
und Stunden, über Felsen kletternd, in Abgründe hinab-
steigend, über Mauern sich schwingend, immer in der
Idee, das was er zu malen beabsichtigte, suchend oder ver-
folgend. Er war beharrlich, zäh, eisern in seinem Willen.

Mit dreißig Jahren hatte er ein kleines, weißes,
bewegliches, blondes Geschöpf geheiratet; fast noch ein
Kind war sie in ihrer Lieblichkeit, ganz Anmut und
Grazie, ganz Sanftmut und Süßigkeit. In Wahrheit,
er hätte nie gewagt, diese blonde und zarte Poesie, dieses
Gedicht zu umwerben, zu freien, er, der rauhe und über-
große Maler. Ihm war es, als ob dieses schlanke
Blümlein in seiner Hand zerbrechen würde. Aber sie
besiegte ihn so ganz mit ihren kindlichen Mienen und
ihren Vogeltrillern in der süßen Stimme, daß er doch
wagte, sie zur Frau zu begehren.

Man gab sie ihm. Er war schon ein ausgezeichneter
Maler, die Kritik befaßte sich ernsthaft mit ihm, seine
Bilder verkauften sich sofort, nicht gerade zu den höchsten
Preisen, aber doch genügend hoch, um ihn eine schöne
Behaglichkeit zu verschaffen. So heiratete er denn sein
kleines Goldknöspchen.

Er war sehr glücklich in seinem Heim, da Bianca,
seine liebe Frau, es ihm mit bcquemlicher Eleganz her-
richtete. Sie ließ es ihn von Blumen durchduftet, schön
warm im Winter, hübsch frisch im Sommer finden; denn
er verstand nichts von der Wirtschaft und er sollte nichts
von den tätlichen Quälereien erfahren, welche den Geist
eines Künstlers betrüben. Aber seine Liebe, seine tiefe
und einzige Liebe war dieses schlanke junge Frauchen,
das im Hause mit seinem sonnigen Köpfchen, seinen
großen klaren Unschuldsaugen nmherschweifte. Er liebte
sie wie eine Geliebte, wie ein Gatte, wie ein Bruder,
mit einer Liebe, die aus Beschießung und Anbetung zu-
sammengesetzt war.

Man weiß nicht, ob sie den Maler je geliebt hat
oder nicht. Sie hatte ihn geheiratet. Alles Lob, was man
ihrem großen Künstler gespendet, mochte sie vielleicht bis
zur Liebe exaltiert, erregt haben. Aber, nach der Hochzeit
schien sie bald daran gewöhnt und die Anerkennung ließ
sie gleichgültig. Natürlicherweise verstand sie, wie viele,
viele Frauen, nicht das geringste von der Kunst. Sie
nannte diese eine zwecklose Luxussache. Wenn sie ihren
Mann nachdenklich, aufgeregt sah, zuckte sie die Achseln
mit einer kleinen verächtlichen Gebärde. Sie verstand,
daß die Bilder Geld gaben, aber ein wenig närrisch er-
schienen ihr diejenigen, welche sie kauften. Wenn ihr
Mann ihr den Plan eines neuen Gemäldes mitteilte,
hörte sie zu, und verbarg ein leichtes Gähnen hinter
ihrer kleinen Hand. Zum Schluffe, mitten im Enthu-
siasmus des schöpferischen Künstlers, warf sie die un-
ruhige und beunruhigende Frage auf:

„Glaubst du, daß es gefallen wird? Und wird cs
sich verkaufen?" Er erschrak, ward mutlos. Seine
Frau verstand ihn nicht, aber er betete sie an. Als er
einsah, daß er sie mit dem Erzählen seiner Ideen lang-
weile, sprach er nicht mehr mit ihr davon. Er behielt
seine Träume für sich. Sie begann sich allein zu Hause
zu langweilen. Sie wollte ausgehen. Er konnte sie
nicht begleiten. Furchtbar eifersüchtig im geheimen seiner
Seele, ließ er sie allein ausgehen. Er bebte bei der
Arbeit vor seinem Bilde, wenn er an diejenigen dachte,

welche auf der Straße sein Weib anblicken, ihr etwas

Verbindliches zuflüstern, ihr vielleicht folgen konnten.
Die Farbengebung auf der Leinwand wurde wirksam und
leidenschaftlich; aber im Hause fragte, verlangte er nichts,
machte keinen Einwand. Er erlaubte Bianca, ihren Em-
pfangstag wie eine große Dame zu haben. Das will
besagen, sie nahm sich die Erlaubnis, ohne erst lange zu
fragen. Er erschien dabei flüchtig, verlegen, verdrossen
und zerstreut. l

Sie, in Wut darüber, seine Halsbinde nicht gut

sitzen, seine Finger voll Farbe zu sehen, murmelte, ihren
süßen kleinen Goldkopf schüttelnd:

°) In Buchform erschienen bei G. Gelli, cäit. Napoli (Berlin, A. Asher L Co.).
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