Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Kunstlitteratur und vervielfältigende Kunst — vom Kunstmarkt

thronenden Schlosse verleiht und ein entzückendes Bild der histo-
risch merkwürdigen Wartburg liefert.

v. S. Walter Ziegler, auf dessen Stiche eines alten
Mannes und einer alten Frau wir bei Gelegenheit der Jubi-
läumsausstellung aufmerksam machen konnten, hat nunmehr in
Wien unter der Leitung des Professors Unger ein Selbst-
bildnis Rembrandts, welches sich im k. k. Belvedere be-
findet, beinahe in Originalgröße, d. h. reichlich in Lebensgröße,
radiert. Zu diesem Werk können wir dem jungen strebsamen

In der Not frihk der Teufel Fliegen. Bronzcfigur
von A. Sommer

und talentvollen Künstler von Herzen Glück wünschen. Unter
voller Einhüllung der liefen, sammtartigcn, an ein Schabkunst-
blatt erinnernden Gesammtwirkung sind hier alle Einzelheiten des
Gesichts, namentlich der für den alternden Rembrandt so be-
zeichnende wie schmerzvoll znsammengepreßte feine Mund in Ver-
bindung mit den groß und scharf blickenden dunklen Augen, mit
ungemein zarter Empfindung wiedergcgeben, so daß der Beschauer
sich unwillkürlich in lebendige Zwiesprache mit diesem erhabenen
Geist versetzt fühlt. Wenn der Künstler sich hierbei nicht hat
verführen lassen, Köppings auf eine treue und geistreiche Wieder-
gabe der Pinselsührung ausgehende Art nachzuahmen, so können
wir das nur billigen. Denn Köppings Kraft liegt eben in der Ein-

zigartigkeit und Unnachahmlichkeit seiner Kunst; eine neue Art der
Wiedergabe von Gemälden ist durch sein Verfahren nicht gegeben:
hierfür hat jeder noch wie vor der eigenen Individualität gemäß
die eigenen Wege zu suchen. Ziegler hat das gethan, indem er
sich zugleich damit begnügte, den Charakter seiner Vorlage treu
wiederzugeben, ohne seine Eigenart dabei hervortreten zu lassen.

v. kt. Die kgl. bayrische Pinakothek München in 50 Ra-
dierungen von Prof. Raab mit Text von Franz von Reber.
München, Kaeser. Mit den in diesem Sommer erschienenen letzten
drei Lieferungen ist nun das schöne Werk vollendet, welches der
seltenen Gewandtheit der Raabschen Radiernadel ein so glänzendes
Zeugnis ausstellt. Mir ist wenigstens kaum irgend ein Stecher
bekannt, der sich mit solcher Feinheit in die verschiedensten Künstler-
charaktere zu finden verstände, und Raffaels keusche Strenge mit
demselben liebevollen Verständnis wiederzugeben verstände, als des
Rubens übermütige Lebensfülle mit glänzender Bravour, des Van
Dyk vornehme Anmut mit gleicher Sicherheit wie Dürers herbe
Hoheit. Ja es kann gar keine Frage sein, daß Raab gerade den
schwersten Aufgaben eher noch mehr gerecht geworden ist als den
verhältnismäßig leichteren, welche ihm die Niederländer Kleinmaler
oder Murillos Betteljungen stellten, obwohl auch hier seine
Leistungen immer höchst anerkennenswerte bleiben. Im Ganzen
wird man seine Stärke aber doch am erquicklichsten bei RubenS,
Raffael, Van Dyck, also den Hauptmeistern unsrer Sammlung
bethätigt finden, die eben darum an ihm einen Interpreten traf,
wie er sobald nicht wiederkehren dürfte, da es ihm niemals darum
zu thun ist, die eigene Bravour, sondern immer nur die Eigenart
seiner Vorbilder zu zeigen. — Unter den vielen Galeriewerken,
welche neuerdings die Stecher beschäftigt haben, wird man daher dieses
wohl das harmonischste und durchweg befriedigendste nennen dürfen.
Wenn aber das Aufblühen der Radierung neben der alles über-
flutenden Photographie eine der bemerkenswertesten Thatsachen
in der neueren deutschen Kunstentwicklung bildet, so darf Raab mit
seinen Schülern sich ein Hauptverdienst an dieser erfreulichen Er-
scheinung zuschreiben.

k.kt. Von Wilhelm Jenseits „Schwarzwald"
(Berlin, Reuther) ist seither das zweite bis vierte Heft in
rascher Folge erschienen. Sie bestätigen durchaus die vorteil-
hafte Meinung, welche das erste erweckte. Besonders sind die
figürlichen und landschaftlichen Illustrationen von Hasemann,
Lugo, Roman, Karl Eyth und Bolz gut gelungen
und von Heuer L Kirmse trefflich geschnitten. Alles atmet
den eigenartigen Charakter des Schwarzwaldes, der ebenso fern
von oberbayrischer als Schweizer Art bleibt. — Auch Jenseits
Text erfreut durch den Reichtum der historischen Notizen sowohl
als durch die vollständige Abwesenheit alles Reklamenhaften.
Man sieht, daß der Stoff nicht abgeschrieben und zusammen-
getragen, sondern auf zahlreichen Fußwanderungen selbst erobert
und mit dem Auge des echten Poeten geschaut worden ist.

Vom Runstmarkt

— Paris. Im Hotel Drouot zu Paris gelangten am
27. Juli zwölf Gemälde der berühmten Sammlung Oultre-
mont unter den Hammer: ein Frauenporträt von Rembrandt
erzielte 75,000 Frks., ein Männerporträt von demselben 45,000
Frks., ein dreiteiliges Altarbild, Darstellungen aus der Passions-
geschichte, aus der deutschen Schule stammend, 26,000 Frks.;
Porträt von Peter Tiarch von Franz Hals 20,100 Frks., Porträt
von Marie Lerp, von ebendemselben, 0600 FrkS., ein Porträt von
Matsys 5100 Frks., Kinderporträt von Gerard Dow 3100 Frks.,
die hl. Jungfrau, das Jesukind und die hl. Anna von van Dyck
3000 Frks. Im ganzen trug die Versteigerung 203,700 Frks. ein.

— Paris. Millets berühmtes Bild „Angelus" geht
nach Amerika, da über den Ankauf seitens des Staates wegen
Schluß des Senates nicht mehr verhandelt werden konnte. Ein
New-Iorker Kunstvcrein erwarb das Bild um 553,000 Frks.

AedaLtioustchluß 21. August — AusguSe 7. S-ptcmöcr

Inhalt des vierundzwanzigften Nestes: tzert: Kr. Peibt. Di-

eiste.Münchener Jahres-AusstcUung 1889. VI. Phamasiestücke und Schilder-
ungen der Vergangenheit oder fremden Naiionen — Malilda Serav,
Auf dem Grabe — Kunstnotizen rc. — Aitderöeitageu: P. A. I. Dagnan-
Bouveret.Sin Ablaßtag in der Bretagne — Josef Weiser, Instituts-
Karneval — Philipp Röth, An der Amper.

Für die Redaktion verantwortlich: Fritz Schwartz — Druck der Bruckmann'schen Buchdruckerei in München
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