Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 9.1893-1894

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Karlsruher Kunstleben. — Die Elite-Ausstellung der Berliner Akademie


bringt, auf dem linken sie, hinter der Gardine lauschend,
während ein Blick in die Straße auf dem Mittelfelde
beide trennt. Ritter, der seit Borgmanns Tode die
Leitung der Figurenmalklasse an der Malerinnenschule
übernommen hat, und dem darin der vorzügliche Porträt-
maler Georg Tyrahn assistiert, hat ebenfalls einige
Genrebilder in Arbeit, jedoch scheint er sich wie Schurth
immer mehr dem Porträt zu widmen. Von Kraus-
kopf steht eine Originalradierung, ein Porträt des
Großherzogs, in Erwartung; überhaupt bürgert sich die
Radiertechnik mehr und mehr in Karlsruhe ein, obenan
steht als einer der genialsten, die sich ihr gewidmet,
Hermann Braun, dessen prächtige Originalradierungen
leider viel zu wenig bekannt sind, obwohl sie gerade
dazu angethan wären, die sich steigernde Vielseitigkeit der
jüngeren Karlsruher zu zeigen, die ja ein gut Teil der

noch etliche andere größere Kollektiv-Erwerbungen an, wie er
es auch verstanden hat, verschiedene ansehnliche Schenkungen
zu bewirken. Was Fleiß. Thätigkeit und Umsicht betr>fft,
möchte es schwer sein, Götz zu übertreffen, dem allein
auch das stetige Fortschrciten seiner Anstalt zuzuschreiben ist.

-X-

Die Glite-AusstellunN der Berliner
Akademie.

ie großen Sommerausstellungen sind der Berliner
Akademie bekanntlich für immer entzogen. Als
eine Art Ersatz hat sie sich jetzt im eigenen Hause eine
ständige Ausstellung eingerichtet, die ihren hiesigen und

Dorf Kuriers, von Lharles Daubigny.

nteressantesten Namen unserer Ausstellungen ausmachen,
wie Wielandt, Ravenstein, Bergmann, Esser, Leuenberger,
Hellwag, Volkmann u. a. in.

Ein Mangel kleiner Städte ist es stets, daß des
geringen Marktes wegen von auswärts nur selten gute
Kunstwerke ausgestellt werden. Doch scheint sich jetzt der
Kunstverein zu manchen neuen Reformen zu entschließen,
und da man diesen Mangel wohl allgemein empfindet,
hat es sich Direktor Götz angelegen sein lassen, die große
und höchst interessante Kollektiv-Ausstellung von Walter
Crane, des berühmten englischen Malers und Illustra-
tors, nach Karlsruhe zu überführen und sie im dortigen
Kunstgewerbemuseum zur Ausstellung zu bringen. Da
gebührt der Rührigkeit Götz' ein ganz besonderes Ver-
dienst, wie er denn überhaupt das ganze Kunstgewerbe-
Museum in ganz fabelhaft kurzer Zeit eigentlich aus fast
nichts hat entstehen lasten. Nachdem er zuerst die Mittel
ausgebracht, durch den Ankauf einer größeren Privat-
sammlung einen Grundstock zu bilden, kristallisierten sich

ausländischen Mitgliedern zur Verfügung steht. Tie
Akademie verdankt diese verständige Einrichtung ihrem
jüngst verstorbenen ersten Sekretär Geheimrat Dohme,
der die Ausführung noch in die Wege leiten konnte.
Die erste Ausstellung ist am zweiten Weihnachtsseiertag
eröffnet worden. Sie umfaßt über hundert Kunstwerke,
die in den drei nach den Linden zu gelegenen Sälen des
Akademiegebäudes, die schon mehrfach zu Ausstellungs-
zwecken verwendet worden sind, bequem untergebracht
werden konnten. Unter den Bildern finden wir viele
alte Bekannte und zumeist solche, die man nicht einmal
gerne wiedersieht. Das paßt schlecht zu dem übrigens
auch sprachlich wenig glücklichen Titel: Elite-Ausstellung.
Zu diesen alten Bekannten, nach denen man sich nicht
gebangt hat, gehören alle die Berliner Historienbilder,
die uns jetzt so wenig noch sagen können. Vor diesem
gemalten Verkleidungsflitter kommt man schnell zu der
Erkenntnis: Gott sei Dank, daß diese öde Periode
deutscher Kunst vorüber ist. Mit nicht viel freudigeren


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