Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 11.1895-1896

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Ausstellungen und Sammlungen.

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müßten auch einmal die Ankäufe für Galerie und Kupferstich-
kabinett werden: seither wurde ohne Plan gekauft, was gerade
die Kunsthändler schickten, von den Künstlern selbst in den wenig-
sten Fällen. So ist mancherlei Ileberflüssiges in die Sammlungen
gekommen, während andererseits Versäumnisse zu beklagen sind.
Die Galerie hat nun wahrlich genug alte Landschäftchen aus der
Zeit des seligen Rottmann, wird endlich in Darmstadt die
moderne Malerei, insbesondere Fignrenmalerei, die ihr gebührende
Berücksichtigung erfahren? Es wird wohl noch einige Zeit dauern,
denn Kritik und Publikum stemmen sich mit einer Ansdauer und
Wucht gegen neuere Kunstanschauungen, die bei anderen Dingen
besser angebracht wären. Wollte ich hier über die Kunstkritiken
der Lokalpresse berichten, so gäbe das einfach eine Jeremiade,
mit Bestimmtheit kann man sagen, daß die Kunstwerke, die von
der Presse heruntergerissen, vor die Thüre gewiesen und meist
noch mit geistreich sein sollendem Spott und Hohn übergossen
werden, stets die künstlerisch interessantesten sind, ebenso werden
die besten Arbeiten, wie es jüngst einem berühmten Münchner
ging, oft einfach ignoriert und Schund in den Himmel gehoben.
— Der Kunstverein brachte kürzlich eine interessante Kollektion
von Bildern Eugen Brachts, darunter prächtige Sachen wie
„Die Burgruine", „Ziehende Wolken", „Die Insel", „Aus dem
Rheinsberger-Park", „Herbstlaub" u.s. w., alles in stark kolo-
ristischen Accenten ungemein breit und sicher hingestrichcn. — Ein
höchst erfreuliches Schaffen hat hier Bildhauer Ludwig Habich
entfaltet. Im Auftrag des Großherzogs von Hessen hat derselbe
dessen Büste nach dem Leben modelliert und damit ein künst-
lerisches. sehr individuell herausgearbeitetes Werk geschaffen. Die
Auta der neuen technischen Hochschule schmückte der Künstler so-
dann mit sechs überlebensgroßen Porträtbüsten, die trefflich ge-
langen, es sind die von Goethe, Newton, Leibniz, Michelangelo
und der Großherzoge Ludwig IV. und Ernst Ludwig von Hessen.
Wunderhübsch in der Einfachheit der Bewegung seiner schlanken
Glieder ist die kleine Bronzefigur eines jugendlichen Flöten-
spielers, die auch in dieser Zeit entstand und sofort von dem
Großherzog erworben wurde. 163421

s. 8. Berlin. Die Gesellschaft deutscher Aquarellisten
hat in diesem Jahr bei Gurlitt ausgestellt. Es ist nicht viel
darüber zu sagen, zunächst aber wohl, daß die Ausstellung keinen
ungünstigen Eindruck macht. Aber doch auch nicht den, als ob die
Mitglieder sonderliche Anstrengungen gemacht hätten, natürlich
mit den paar üblichen Ausnahmen. Ludwig Dettmann ist
diesmal an erster Stelle zu nennen. Der Sonntagnachmittag,
die Höfe in einem norddeutschen Städtchen, der Herbst-
sonnenschein sind sehr glücklich gefühlt, die beiden ersten
wirken noch besonders günstig durch das kräftige Rot
derZiegeldächer. Bei diesen sonnigen Bildern hat
Dettmann eine überzeugende Art den Hellen blau-
grünlichen Himmel wiederzugeben. Von den
Aquarellen Max Liebermanns scheint mir die
Nähschule im Amsterdamer Waisenhaus seine Kunst
am besten erkennen zu lassen. S karb ina s weiblicher
Studienkopf zeigt Pariser Anregungen, doch un-
vermittelter, als wir es in den letzten Jahren bei
ihm zu sehen gewohnt sind. Bei Walter Leisti-
kow ist die kranke Sucht, die Natur zu stilisieren,
die bei der Elfer-Ausstellung so erschreckte, hier nicht
oder noch nicht zu erkennen. Hans Herrmann
erscheint der Amsterdamer Blumenmarkt immer
weicher und süßlicher und immer rascher wächst
sich Herrmann in die Art eines Berliner Akademie-
professors hinein. Tie technische Sicherheit, die bei
Hans von Bartels vor einigen Jahren so über-
raschte, wird von ihm noch mit gleichem Geschick
beherrscht, aber sie hat sich doch schon etwas zur
bequemen Manier, die immer mühelos zur Ver-
fügung steht, bei ihm ausgewachsen. „Die Arbeiter
beim Bau" von Schmidt-Michelsen sind sorg-
fältig gearbeitet, aber doch ohne besonderen Reiz.

In einem elsässischen Straßenbildchen kommt er
Skarbina ganz nahe. Max Fritz ist ein nied-
liches Talentchen, aber auch nicht mehr. Dora
Hitz ist in einem flüchtigen Frauenkopf nicht gut
vertreten. Jules Wenzel hat mehrere seiner
so anziehenden verschummerten Nebel- und Mond-
scheinlandschasten beigesteuert. Dann aber auch ein
kräftiger gefärbtes Idyll mit einem Kind im Walde
und eine sehr lustige flotte Karrikatur auf eine
Pariser Radfahrerin. — Von einer gleichzeitigen

Ausstellung bei Schulte sind mehrere Damenporlräts von
Karl Ziegler hervorzuheben, wirklich erfreuliche Arbeiten von
feinster Färbung und glücklichster Auffassung. In den Bild-
nissen von Curt Stöving ist bei aller Frische und aller ernsten
Arbeit doch eine gewisse Banalität störend. Das fiel mir nament-
lich bei den Porträts von Nietzsche auf. Stöving hat ihn zwei-
mal gemalt, beidemale in einer Laube sitzend; bei dem einen
Bild steht der Beschauer mit in der Laube, bei dem andern sieht
er von außen hinein. Unter beiden Bildern steht: Porträt des
Herrn Fr. Nietzsche. In dem „Herrn" liegt mehr Berliner
Kulturgeschichte als zehn'Jahrgänge der „Vossischen Zeitung" zu
geben vermögen. lsssii

U. St. Petersburg. Die Aquarellausstellung in den
Sälen der Akademie der Künste ist in diesem Jahre besonders reich
beschickt, ohne jedoch hervorragende Sachen aufzuweisen. Die
besten Aquarelle stammen von Albert Benois, der eine reiche
Sammlung von Studien aus dem fernen Südosten ausstellt,
ferner von Nawosow ein gutes Genre, von A. P. Sokoloff
ein gutes Porträt. Unter den Jungen macht sich wiederum
R. Bergholz mit einigen guten italienischen Studien und einer
wunderschönen Winterlandschast, von feiner Stimmung bemerk-
bar. Perepletschikofs und Dossekin aus Moskau stellen
mehrere vorzügliche Landschaften aus, ersterer von großer Kraft.
Alexander Benois ist mit einer düsteren Phantasie und Ber-
kos mit einigen sonnendurchfluteten Gartcnstudien vertreten.
Unter den 600 Ausstellern sind einige vorzügliche Ausländer.
Vor allem ist Hans von Bartels mit einer schonen Studie
einer alten Fischerfrau und einem Genre aus dem Fischerleben
zu nennen, sodann Julien Dupre mit heumähenden Bäuerin-
nen und Nozal mit zwei stimmungsvollen Nächten. Von Is-
raels hat man eine weniger gute Skizze einer Fischerfrau und
von Wölbers vortreffliche Kühe gesandt. Der vielseitige Italiener
Paolo Sala ist mit virtuos gemalten venezianischen Aquarellen
und Scenen aus dem Tierleben vertreten. l62Sis

— Venedig. Der Gemeinderat hat beschlossen, im Jahre 1897
vom 1. April ab eine zweite internationale Kunstausstellung
zu veranstalten. Die vorjährige Ausstellung hat einen so günsti-
gen Ersolg gehabt, daß nicht nur alle laufenden Kosten haben
gedeckt werden können, sondern daß auch bereits das Ausstellungs-
gebäude schuldenfrei ist. 162741

* Dresden. Für die internationale Kunstaus-
stellung des Jahres 1897 sind die Vorbereitungen bereits
im Gange. Mit Rücksicht darauf ist von dem akademischen

Alt der Arbvik. ^l)on III a x Buri.

Lrübjabr-Ausstellung j^896 des Vereins bildender Aünstler („Secession") in München.

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