Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 13.1897-1898

Seite: 257
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kfa1897_1898/0327
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile

Eduard bau Eckhardt.

(ZUIN sechzigsten Geburtstag des Künstlers, ;z. Juni l8?8.)
von F. Schaarschmidt.


L-

M. k»öffert
(Düsseldorf) pbot.

^s glaubt heutzutage Wohl niemand mehr daran, daß ein
jedes Kunstwerk für einen jeden in all seinen Teilen
ohne weiteres verständlich sein müsse. Die große, stetig noch
wachsende Zahl der populären Kunstzeitschriften, der große,
oft zu große Einfluß der Kunstbesprechungen in der Fach-
und Tagespresse beweisen, wie sehr das Publikum einer An-
leitung zum Genuß der Kunstwerke bedarf und, dieses Bedürf-
nisses sich bewußt, nach ihr verlangt. Und wenn selbst ein
einzelnes Bild durch seine künstlerischen Eigenschaften und die
packende Gewalt eines einfachen, großartigen Vorwurfs ohne
weiteres wirkt und fesselt, so wird das ganze Lebenswerk
eines bedeutenden und eigenartigen Künstlers, sowie die
Stellung, die es innerhalb der zeitgenössischen Kunst ein-
nimmt, an Bedeutung und Verständlichkeit nur gewinnen
können, wenn man versucht, sich diese Stellung im Verhältnis
zu dem Vorhergegangenen, dem Gleichzeitigen und dem von
ihm Beeinflußten klar zu machen.

Eduard von Gebhardt nimmt innerhalb der neueren
religiösen Malerei eine so eigenartige Stellung ein, daß es
schwer sein dürfte, ihn mit der Heiligenmalerei der Düssel-
dorfer oder überhaupt einer modernen Schule in Verbindung zu bringen. Die Düsseldorfer kirchliche Kunst,
die seit der Zeit der Nazarener auf der Nachahmung der Italiener einerseits, einem konsequenten Festhalten
an den künstlerischen Forderungen der katholischen Kirche andererseits beruht, hat aus Gebhardt, wenn über-
haupt einen, so nur einen negativen Einfluß gehabt und deshalb hat sie auch von seiner Kunst, die auf ganz
anderen Prinzipien aufgebaut ist, keinen Vorteil ziehen können. So konnte es kommen, daß heute, nachdem
Gebhardt schon vor 35 Jahren sein erstes biblisches Bild malte, nachdem eine Reihe von Schülern in den
Fußstapfen des Meisters weiterzuschreiten sich bemühen, in Düsseldorf dennoch nach wie vor nazarenerhafte
Heiligenbilder gemalt werden, ebenso wie Fra Angelico in Florenz im Stile Giottos weitermalte, als Donatello
schon so weit gekommen war, seine büßende Magdalena zu schnitzen.

Wenn die Romantiker die Wirkung eines Kunstwerks als eines religiösen aus der Frömmigkeit seines
Schöpfers herleiten und erklären wollten, wenn Schnaase dagegen in einem altertümelndeu Stil das Haupt-
mittel zum Hervorbringen einer religiösen Stimmung findet, so wird man wohl nicht fehlgehen, in der Ver-
einigung dieser beiden Momente bei Gebhardt die Erklärung für den großen Eindruck zu finden, den seine Bilder
machen, wozu nun freilich bei den noch etwas hinzukommt, das sich
einer ästhetischen Analyse ebenso schwer unterziehen läßt, wie die
religiöse Ueberzeugung eines Malers, aber doch wohl kaum weniger
wichtig ist und bei der Erzeugung einer einheitlichen, gleichermaßen
religiösen und künstlerischen Stimmung durch allen, immerhin an-
lernbarcn Archaismus sowenig, wie durch deu Glauben allein ersetzt
werden kann. Es ist das die weder anlernbare noch anerziehbare
künstlerische Begabung, die doch einzig und allein aus dem bloßen
Devotionsbild erst das wirkliche Kunstwerk werden läßt.

lieber die Wahl des altdeutschen „Kostüms", wenn man es
so nennen will, also eines der archaisierenden Momente in seiner Kunst,
das man ihm häufig so übel genommen hat, äußert sich Gebhardt
gelegentlich einmal selbst: „Man hat oft die Frage an mich gerichtet",
sagt er, „warum ich denn die biblischen Bilder in altdeutschem Kostüm
male; ja wie denn? Sollte ich etwa weitermalen wie die Nazarener?

Anfangs dachte ich auch nicht anders, aber meinen hausbackenen
Menschen wollten die konventionellen Gewänder partout nicht passen.

Ja, sagten die klugen Menschen, ich sollte es doch so malen, wie es
gewesen ist, es ist doch im Orient Passiert, das ist doch ein Anachro-
nismus, den ich begehe. Merkwürdig! noch nie hat ein Mensch es Selbstbildnis L. Gebhard-, (ca. rsss).

Die Kunst für Alle, XIII. 17. (. )uni 1898.

33
loading ...