Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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-*-S^> PARISER WELTAUSSTELLUNG <Ö£-p-

Riesenpilastern, ihren protzigen Kandelabern,
dem Ueberreichtum ihres figürlichen und orna-
mentalen Schmucks die sichere Eleganz oder
die anspruchslose Schlichtheit der übrigen
Seinebrücken schwer schädigen wird.

Auch von den beiden Kunstpalästen ist das
Grand Palais (das späterhin die beiden Salons
in seinen ungeheuren Räumen aufnehmen
wird) stark vom Stil „Napoleon III." ange-
kränkelt, während das Petit Palais (das künf-
tige Museum der Stadt Paris) im grossen und
ganzen sich durch die ruhigere Vornehmheit
auszeichnet, die dem Louis XVI. eigen ist.
Aber selbst wenn das Grand Palais so gut
gelungen wäre, wie das Petit Palais, und dieses
selbst noch zehnmal besser als es jetzt ist,
so bleibt an beiden Palästen ihre Orientierung
bedenklich. Allein von allen nahe an die
Seine herantretenden grösseren Baulichkeiten
entfalten sie ihre Fronten nicht parallel dem
Flusslauf, sondern senkrecht auf ihn gerichtet.
Werden diese Vertikalen, noch dazu verstärkt
durch die schweren Pilaster der Alexander-
brücke, nicht wie eine störende Cäsur ein-
schneiden in die schöne, bisher ununter-
brochene perspektivische Begleitung, die die
Architektur und die Baumanlagen den sanften
Windungen des Stromes gaben? — Da mir
die Schönheit der Stadt Paris mehr am Herzen
liegt, als das Renommee meiner prophetischen
Begabung, so werde ich selbst mich am meisten
freuen, wenn die Zukunft meine Befürch-
tungen für das nunmehr sich ergebende Stadt-
bild widerlegt. Aber, wie dem auch sei, als
ein Symbol der Bedeutung der französischen
Kunst von heute für die Weltausstellung und
für die Welt werde ich die beiden Kunst-
paläste nie betrachten können.

Das klingt freilich etwas undankbar. Ich
beeile mich hinzuzufügen, dass die „Retro-
spective" im Petit Palais eine Unzahl von
Schätzen der „angewandten Kunst" barg und
Liebhaber wie Forscher gleichmässig befrie-
digte und entzückte; sowie, dass die Centennar-
Ausstellung der bildenden Kunst Frankreichs
im Grand Palais jedem Besucher, der eben
der Kunst wegen in diese Räume kam, eine
reiche Fülle von Genuss und Belehrung ge-
währte; von berufenster Seite hat das hier
Gebotene eine Würdigung in unserer Zeit-
schrift gefunden. Diese Centennar-Ausstellung
erinnerte zum mindesten an alle Grossen der
französischen Kunst des neunzehnten Jahr-
hunderts, und sie beschwor daneben eine ganze
Anzahl halbvergessener oder selten in solcher
Deutlichkeit zu fassender Künstler ans Tages-
licht, die als Individualitäten und als Träger
der Gesamt-Entwickelung eines dauernden

ehrenvollen Andenkens wert sind. Jedenfalls
führte uns die „Centennale" aufs neue zu
Gemüte, welch gewaltige, in ihrer Gesetz-
mässigkeit ununterbrochene Entwickelung die
französische Kunstgeschichte von David und
Ingres bis auf Manet und Puvis de Chavannes
bedeutet. Eine grosse Epopöe, gleich fesselnd

EM A NU EL FR EMI ET JEAN NE D'ARC

(geboren 1824) (Salon 1875)

(Paris, Jahrhundert-Ausstellung)

durch ihre tiefen Zusammenhänge, wie durch
ihre mächtigen oder lieblichen Episoden.

Es liegt aber im Wesen der Geschichte, dass
all ihre Epen nicht mit einem klangvoll festen
Schlussaccord endigen, sondern mehr oder
minder im Sand verlaufen. Der Strom einer
bedeutenden Bewegung scheint allmählich in
immer dünneren Rinnsalen zu versiegen —
um dann später irgendwann und anderswo die

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