Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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-ir«Ssö> O. v. LEITGEB: ERINNERUNGEN AN W. LEIBL -CSäH^

der Kunsthändler, er wolle es ihm gerne gegen Indessen sollte sich mit einer Aenderung des

ein eigenes tauschweise überlassen. Dies geschah. Wohnsitzes gegen die achtziger Jahre zu der
Und als Munkäcsys Frau kürzlich Bilder ihres beiden Freunde äusseres Leben in einem nocli
Mannes veräusserte, und die Dachauerinnen<■ auch, abgeschiedeneren Umkreise einschliessen. Zu-
hörte Herr von Tschudi, Direktor der Nationalgalerie erst versuchten sie's am Ammersee; dann führte
in Berlin davon, eilte nach Paris und konnte dies sie ein Zufall wieder weiter. Den Anlass dazu
Meisterwerk zu einem bescheidenen Preise erstehen. gab die Bekanntschaft mit dem damaligen Kaplan
Es ist bezeichnend für Leibi, dass ihm bei aller von Berbling bei Bad Aibling. Er hatte ihnen die
Zähigkeit, bei dem eisernen Eigenwillen, den er Schönheit und Ruhe der dortigen Gegend gepriesen,
hatte, ja, bei seiner nicht zu leugnenden Unbändig- Bei einem vorläufigen Besuche waren sie zwar
keit und Gewaltsamkeit des Naturmenschen, die in unentschlossen, wurden abgeschreckt durch die all-
ihm stak, die Freundschaft des kleinen, unruhigen, zugrosse Einfachheit des Wirtshauses, schliesslich
brüderlich besorgten Sperl unentbehrlich war. Halb aber ;aus Rücksicht auf die Bitten des Kaplans
freiwillig, halb gezwungen musste dieser sogar doch bewogen und schlugen dort ihr Lager auf.
mehrmals Pläne zu eigenem Vorteile aufgeben, Damais ahnte wohl Leibi selbst nicht, dass er nun
wenn er sich um ihretwillen von Leibi hätte trennen fast für ein Menschenalter und für den ganzen Rest
müssen. >Verfluchte Sache! polterte dann dieser. seines Lebens ein festes Heim gefunden. Es ver-
Dann häng' ich die ganze Malerei auf den Nagel schwanden hinter ihm die Münchener Jahre, die
und du bist schuld daran!« städtischen Eindrücke, der kleine Kreis von befreun-

deten Kollegen; es verschwand in
weiter Ferne die Fata Alorgana der
glänzenden Weltstadt an der Seine.
Und in der freundlichen, aber ein-
fachen, ausser dem abschliessen-
den Höhenzuge der Grenzalpen
nichts Grossartiges aufweisenden
oberbayerischen Landschaft mit
ihren kleinen und bescheidenen
Umrissen, zwischen Bauerndörfern,
auf grünen Wiesen unter Obst-
bäumen gelegen, mit ihrem Wald,
ihrem Torfmoor, ihren Feldwegen,
ihren schlichten Menschen entfal-
tete sich die Zeit seines eisernsten
Fleisses, seiner tiefsten Abklärung
und seiner grössten Reife.

Die ?Drei Bäuerinnen in der
Kirchec (im Besitze des Herrn
Schön in Worms) wurden an Ort
und Stelle, in der Dorfkirche von
Berbling gemalt. Von den Mo-
dellen war eines die Mutter der
Wirtin, die andere deren Tochter.
Leibi brauchte lange, ehe er das
Bild fertig aus der Hand gab, schier
drei Jahre. Auf dies Bild bezieht
sich sein Wort, dass es in der Ma-
lerei Scheibenschützen und Flug-
schützen gebe. Mit dem Berb-
linger Bilde habe er gleichsam
einen Scheibenschuss gethan; bei
einem solchen müsste man lange
und geduldig zielen. — Ein phy-
sischer Umstand verlängerte die
Arbeit übrigens auch. Gegen den
Herbst zu begannen die drei Mo-
delle in der Kirchenbank so zu
frieren, dass sie um Allerheiligen
weder durch Bitten noch durch
Drohungen festzuhalten waren.
Dann verbrachte er den Winter
meist zeichnend und entwerfend
und wartete geduldig ab, bis seine
Beterinnen sich wieder willig er-
wiesen. Dabei entbehrte er die
Aussenwelt so wenig, dass einge-
laufene Briefe oft tagelang am
Tische lagen, ehe er sich ent-
schloss, sie zu öffnen. —

(Der Schluss wird folgen.)

Im Besitz von Maximilian VAN IT AS (Kohlezeichnung)

i'on Heyl in Darmstadt «

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