Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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OTTO GREINER de!.

an. Meist sind es Federzeichnungen, die eine
staunenswerte Virtuosität und Feinheit der
Technik bekunden, wie z. B. die (a. S. 313 nach-
gebildete) herrliche Landschafts- und Baum- 1
Studie. Die Hauptmasse dieser Studien bilden i
indessen die wundervollen Akte, Köpfe, Ge- i
wänder usw., die er für seine lithographischen I
Arbeiten gezeichnet hat. Es sind Zeichnungen
mit dem Buntstift, mit Kreide, in Rötel aus-
geführt, von einer Sicherheit in der Linien-
führung, so voll übersprudelnden Lebens und i
voller feinster Beobachtung, dass man sie, wie
ähnliche Erzeugnisse der Klinger'schen Kunst,
zu den besten zählen darf, was uns in dieser
Art ein zeitgenössischer Meister beschert hat.
An diesen Akten ist alles Wahrheit, alles
ungeschminkte, reine Natur; die Muskulatur !
ebenso wie die Oberfläche der Haut zeigen
ein Detailstudium von unermüdlicher Aus- i
dauer und die Plastik der Form wird durch ge- !
schickte Verwertung der aufgesetzten Lichter i
beinahe greifbar. Von grösseren Pastell-
zeichnungen mögen zum Schluss noch zwei i
Gelegenheitsadressen genannt sein, von denen
die eine, ein Ehrendiplom für den Leipziger
Zimmerobermeister Handwerk, von der In-
nung dargebracht (1893), leider wenig bekannt
geworden ist. Von der zweiten, der Glück-
wunsch-Adresse der Stadt Leipzig zum acht- :
zigsten Geburtstage des Fürsten Bismarck 1
(1895), jetzt im Bismarck-Museum in Schön- 1
hausen, ist eine Abbildung in der „K. f. A.",
X. Jahrg., S. 233, bekannt gemacht worden.

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Von einer frühen Pastellzeichnung, Dante und
Virgil in der Hölle, war oben schon die Rede.

So stellt sich das Werk Otto Greiners
bis auf den heutigen Tag dar. Ein Künstler,
der in seinem Alter erst die dreissig über-
schritten hat, und auf Schöpfungen zurück-
blicken kann, die seinen Namen in der deutschen
Künstlerschaft mit in die erste Linie stellen,
lässt für die Zukunft noch Grosses erwarten.
Wie diese Zukunft sich gestalten wird, lässt
sich wohl vermuten, aber nicht voraussagen.
Bei der Universalität der modernen Künstler
und dem hervorragend ausgebildeten, feinen
plastischen Sinn Greiners würde man es für
natürlich halten, wenn er uns nach den be-
rühmten Beispielen von Stauffer-Bern, Klinger
Stuck, eines Tages mit einer Skulptur seiner
Hand überraschen würde. Allgemein gespannt
ist man aber, ihn als Meister des „grossen"
Stils kennen zu lernen. Wenn, wie zu erwarten
ist und wie von sachverständiger Seite bestätigt
wird, das grosse Oelgemälde „Odysseus und
die Sirenen", an dem er seit längerer Zeit
thätig ist (eine zeichnerische Studie dazu geben
wir in den „Ruderern", am Beginn dieses
Heftes), diese Hoffnungen erfüllt, dann wird
man wahrscheinlich erst das Hauptwort über
ihn und seine Kunst sagen dürfen. Sein ge-
sunder und ehrlicher Sinn, seine aller Ueber-
hebung fremde Urteilsfähigkeit, seine Schlicht-
heit und die natürliche Heiterkeit seines ganzen
Wesens werden dazu beitragen, ihn auch als
Menschen an ein hohes Ziel zu führen.
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