Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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-ff-5^> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN <^^~

TAÜSSELDORF. Die Jahresausstellung des Kunst-
Vereins für die Rheinlande und Westfalen ist,
wie üblich, Pfingstsonntag eröffnet worden. Auch
in diesem Jahre hat, wie im vorigen, eine strengere
Jury, wie die altgewohnte, gewaltet, und der Gesamt-
eindruck, den die diesmaligeZusammenstellung macht,
ist infolgedessen ein viel erfreulicherer. Im Gegen-
satz zu den früheren Ausstellungen ist die Landschaft
nicht so überwiegend, es sind viel mehr und gute
Figurenbilder hier. Besonders bemerkenswert sind
einige junge Künstler, die zum erstenmale hier
öffentlich auftreten. Sie gehören der Düsseldorfer
Akademie an, und ihre Erstlingswerke lassen eine
vorzügliche Schulung erkennen. Mstislav von
Farmakovsky ist ein Gebhardtschüler. Sein sehr
ausführlich behandeltes Bild, eine grosse Zahl von
Kirchenbesuchern, hauptsächlich weiblichen Ge-
schlechts darstellend, die den Beginn des Gottes-
dienstes erwarten, lässt erkennen, dass er von seines
Lehrers und Meisters Unterweisung profitiert hat
und wie dieser seine Stärke in der scharfen und
feinen Individualisierung der Figuren sucht. Es ist
keine konventionelle Gestalt unter diesen Kirchen-
besucherinnen. — Ganz persönlich zeigt sich auch
das Talent eines jungen Russen, Sergius Pyrssin,
eines Schülers des Prof. Peter Janssen. Sein
russisches Genrebild -Der erste Schritt zum Ehe-
stand <, eine russische Verlobungsscene behandelt zwar

herm. schlittgen bildnis

kein neues Motiv, aber das Thema ist in dieser russi-
schen Variation, in dieser frisch und natürlich em-
pfundenen und gut gegebenen Darstellung wieder inter-
essant. Noch ein neuer Name ist Jos. Hansen, eben-
falls bis vor kurzem der Akademie angehörend; er hat
das stets menschlich rührende Thema der Rückkehr
des verlorenen Sohnes behandelt und offenbart in
dem talentvoll gemalten Bilde eine ansprechende
schlichte Innigkeit. Erschöpft hat er das von älteren
und neueren Malern vielfach behandelte Motiv nicht.
Wenn Eduard von Gebhardt einmal die Heim-
kehr des verlorenen Sohnes malte, der würde sie
mit der ganzen Tiefe seiner starken Empfindung
darstellen! — Von jüngeren Figurenmalern, die sich
schon rühmlich hervorgethan haben, sind noch
mehrere auf dieser Ausstellung recht gut vertreten:
So Adolf Schönnenbeck, der seiner Vorliebe
für reelle Heimatskunst getreu, zwei Landsleute,
biedere alte Westfalen, die sich in ihrer wortkargen
Weise zur Vesperstunde rauchend zusammensetzen,
vortrefflich dargestellt hat. Ferner Theodor Funck,
der auch eine ländliche Scene >Beim Landbäcker<
und ein anderes feines Genrebild »Träumerei« bringt,
Albert Baur jun., dessen »Schnapphähne« echte
Typen solcher ritterlicher Räuber sind, Peter
Philippi, dessen »St. Nikolaustag«, eine Scene vom
Nikolausmarkt am Abend, unzweifelhaft das beste
Figurenbild der Ausstellung ist und durch sein an
KarlSpitzweg erinnernden Humor und die eminent
feine Behandlung die Aufmerksamkeit besonders auf
sich zieht. Auch sein kleineres Bild, eine weibliche
Figur in einem bürgerlichen Interieur, hat den Vor-
zug einer erstaunlich feinen Ausführung. Noch sind
zu nennen Fritz Schnitzler's originelle Darstel-
lungen aus dem Volksleben, ebenso wertvoll wegen
der guten Beobachtung des menschlichen Treibens
wie wegen der malerischen Behandlung, Edmund
Schwarzerd charakteristischer »Schuster«, Henrik
Nordenberg's sehr reizvolles Genrebild. Adolf
Seel's kleines Kabinettstück »ZurBeichte« ist eben-
so wertvoll in der Architekturenmalerei wie in der
feinen Darstellung der weiblichen Figur. Sehr an-
sprechende und gediegene Genrebilder bringen auch
Carl Mücke, Carl Häver, Otto Kirberg.
Zu den feinsten Werken der Zusammenstellung sind
auch Alfred Sohn-Rethel's Bilder >Im Blumen-
garten« und »Kartoffelernte« zu zählen. Sehr eigen-
artig und frisch in der Wirkung ist Otto Heichert's
Dame in einer Hängematte am Seestrande, und er
zeigt sich in seinem ;Hund und Katze« auch als
ein tüchtiger Tiermaler. Die Landschafts- und
Marinemalerei ist, wie immer, hier sehr würdig
und ehrenvoll repräsentiert. Von den älteren Land-
schaftscenen fehlen diesmal mehrere, aber OlofJern-
berg, Heinrich Hermanns, Wilhelm Fritzel,
Andreas Dirks, Carl Becker, Erwin Günter,
Helmuth Liesegang, Heinrich Otto, August
Schlüter, Cornelius Wagner, Arthur Wans-
leben, Fritz von Wille, Erich Nikutowski,
Eugen Kampf, Adolf Lins, Max Hünten und
Franz Kiederich, letzterer mit Soldatenscenen,
sind durch gute und für ihre Eigenart bezeichnende
Werke vertreten. Zwei aparte stimmungsvolle Land-
schaftsbilder, in denen die Figuren mehr als Staffage
sind, sogenannte Ideallandschaften, bringt Hermann
Emil Pohle. Auch einige auswärtige Künstler haben
sich an der Ausstellung beteiligt. Rudolf Eich-
staedt, Berlin, sandte ein grosses Bild »Emmaus«
ein; Ludwig Dettmann eine »Burg am Meer«;
August Rieper, München, zwei sehr fein ausge-
führte kleine Genrebilder. Auch an guter Plastik
ist die diesjährige Ausstellung reicher wie sonst.
Heinrich Baucke, A. Frische, Carl Heinz

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