Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 17.1902

Seite: 260
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«ä^> VON AUSSTELLUNGEN <ö^-

Die Nacht;, das junge Weib in den Armen des
geliebten Mannes schläft, so wird nichts damit aus-
gedrückt, als die süsse, schutzbedürftige Schwäche
des Geschlechts. Ein wundervolles Werk ist auch
die »Gefangene Mutter«, die mit gebundenen Armen
niedergekniet ist und den vollen Busen ihrem am
Boden zappelnden Knäblein zum Munde führt.
Weniger gelungen erscheint die »Barbarenmutter«,
die ihren verwundeten Sohn aus der Schlacht trägt.
Am wenigsten aber befriedigt die riesige »Mutter
Erde«, die nackt in Felsen sitzt und in deren Schoss
ein zierliches Menschenpaar schläft. Das soll monu-


G


eugene burnand DER ABEND

mental wirken, erscheint aber nur gesucht. Auch
eine kleine in Holz geschnitzte und bemalte »Wal-
küre« zu Pferde ermangelt der innerlichen Grösse.
»Die Aelteste des Geschlechts«, eine blinde Greisin
in priesterlichen Gewändern, hat diese aber zweifel-
los und ist nach dieser Richtung vielleicht die be-
deutendste Leistung des dänischen Meisters. In
einem anderen Raum des Salons ist eine Kollektion
von Werken des Prinzen Paul Troubetzkoy zu
sehen, über dessen Talent Vittorio Pica hier kürz-
lich (S. 49—53 d. lauf. Jahrg.) soviel Treffendes ge-
sagt hat. Weniger erfreulich ist die Bekanntschaft,
die man an dem italienischen, in Paris lebenden
Bildhauer Menardo Rosso macht. In einer in
seiner Ausstellung ausliegenden Broschüre wird der
Versuch gemacht, ihn als Impressionisten in der
Skulptur neben Rodin zu stellen. Man gewinnt aber

aus dieser, Bronzen und Wachsmodelle enthaltenden
Ausstellung die Ueberzeugung, dass Rossos skizzen-
hafte Art Mängel des Könnens verdeckt, dass ein-
zelne gelungene Arbeiten mehr dem Zufall als einer
künstlerischen Absicht ihr Dasein verdanken, dass
der Bildhauer sich überhaupt künstlich interessant
zu machen sucht. Ueber die oberflächliche Gestaltung
eines Köpfchens, das bald lachendes, bald krankes
Kind, bald »Gassenjunge«, bald -Die Lächelnde«
heisst, kommt er nicht hinaus. Die skizzenhafte Be-
handlung der Oberfläche giebt einigen dieser Köpfe
einen gewissen Charme und die Beweglichkeit des
Lebens. Ein Künstler, der weiss, was er will,
steht nicht dahinter. — Bei Schulte giebt es Kol-
lektiv-Ausstellungen von John Lavery und Wil-
liam Rothenstein. Dieser als der in Deutschland
weniger bekannte Maler erregt das grössere Interesse.
Nach dem im vergangenen Jahre in Dresden ge-
zeigten Bildnisse eines jungen blondbärtigen Mannes
(Abb. auf S. 444 des vor. Jahrg.), das nun auch hierher
gelangt ist, hätte man Kräftigeres, Eigenartigeres von
ihm erwartet. Seine Kunst beruht im wesentlichen
auf ein geschicktes Uebersetzen des von Terborch
und Hoogh Gesagten in den von Whistlergeschaffenen
englischen Geschmack. Rothenstein liebt Interieurs
zu malen mit weissen Wänden, an denen Bilder
hängen, mit glänzenden Mahagonimöbeln und hell-
grünen Vorhängen. Während er in den Stilleben-
Partien der Interieurs Glänzendes leistet, lassen die
hineingesetzten Figuren — alte Herren, die Mappen
durchsehen, Frauen, die am Fenster stehen, sich
unterhalten oder weinend auf dem Sofa sitzen —
vielfach zu wünschen übrig. Auch wirkt manchmal
die Beleuchtung hart und stimmungslos. Ganz ein-
wandsfrei ist vielleicht nur die i Ibsenphantasie-
(Abb. S. 427 d. vor. Jahrg.), in der sowohl die dar-
gestellten Personen wie die Wiedergabe des halben
Lichtes auch grosse Ansprüche befriedigen. Zu-
gleich lässt Rothenstein eine Reihe von Zeichnungen
und Lithographien sehen, die zwar keinen neuen
künstlerischen Sinn verraten, wohl aber einen ausser-
ordentlich ernsthaften und feinen Künstler, der über
ein bedeutendes positives Können verfügt und sehr
viel Geschmack besitzt. Für die Landschaft, die
der Künstler auch kultiviert, fehlt ihm ein wesent-
licher Faktor: das Naturgefühl. Lavery fesselt,
wie immer, durch seinen eminenten Geschmack.
Seine Porträts sind stets vornehm, aber sie wirken
fast allein durch die meisterhafte Art, mit der die
mehr oder minder reichen Toiletten der Damen auf
die Leinwand gebracht wurden. Die Köpfe sind bei-
nahe ausnahmslos verquält. Weitaus das Beste, was er
dieses Mal zu zeigen hat, sind ein paar kleine genre-
hafte Bildnisse »Die Violinspielerin«, i Die Malerini
und eine Landschaft »Hyde-Park«, die seinem Ge-
schmack, seinem virtuosen Vortrag und seinem
feinen Gefühl für den Reiz mondainer Toiletten
das schönste Zeugnis ausstellen. Als berückende
Geschmacksäusserungen sind die Bildnisse »Mutter
und Kind«, »Der schwarze Pudel«, »Mrs. Brown-
Potterc hervorzuheben. In der gleichen Ausstellung
sind Olga von Boznanska, Aug. Neven du
Mont, Linda Kögel durch gute Porträts vertreten.
Hans Bohrdt, Willy Stöwer und der Emailmaler
Bastanier bieten eine Fülle teils gleichgiltiger,
teils auch schlechter Leistungen. — Der Salon
Cassirer bringt eine sehr bemerkenswerte Uhde-Aus-
stellung, die die neuesten Arbeiten des hervorragen-
den Malers enthält. Es muss Uhdes zahlreiche Ver-
ehrer mit Genugthuung erfüllen, dass er in seiner
Kunst wieder so jung geworden ist. Bei den hellen
und freudigen Farben, die er jetzt wählt, kommen auch
seine prächtige breite Art zu malen, sein grosser Strich

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