Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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-sr-5^> UEBER BILDERPREISE

sehr überkaufen. Jedenfalls sind das keine nur gerechtfertigt, wenn die Bilder des be-
normalen Verhältnisse. treffenden Meisters selten sind und man fürch-
Auch der eigentliche Kunsthandel kann hier ten muß, später keine Gelegenheit zum Kauf
nicht zu Grunde gelegt werden. Daß durch zu finden. Im allgemeinen sollte ein Galerie-
ihn die Preise oft unverhältnismäßig in die direktor bei einem Ankauf nicht nur fragen,
Höhe getrieben werden, weiß man ja. Das was man für ein Bild gerade im Augenblick,
gilt aber besonders von toten Meistern. Ein bei den jetzt bestehenden Konjunkturen
gutes Porträt von Leibi ist unter 10000 M. zahlen kann, sondern auch was man vermut-
jetzt kaum zu haben, ein figurenreiches lieh in Zukunft, nach zehn oder zwanzig
Genrebild von Vautier nicht unter 20000, ein Jahren dafür zahlen wird. Für den Privat-
Bild mit zwei Köpfen von Böcklin nicht unter mann von mittlerem Vermögen kommen
50000. Neulich sah ich ein Genrebild von derartige Anschaffungen im allgemeinen nicht
Knaus, für das 100000 M. gefordert wurden, in Betracht. Er kauft am besten vom
Ein großer Segantini, der auf fast allen Künstler selbst.

Ausstellungen der letzten Jahre war, sollte Und damit sind wir zu dem normalen Fall
sogar 150000 M. kosten. gekommen, der uns hier allein interessiert.

lieber die Berechtigung derartiger Preise Da erhebt sich nun die Frage: Entsprechen
zu streiten, wäre ziemlich müßig. Ein Kunst- die Preisforderungen, die unsere lebenden
händler,'der überzeugt ist, soviel bekommen Künstler stellen, den tatsächlichen Verhält-
zu können, wäre dumm, wenn er weniger ver- nissen oder ihren eigenen Interessen?
langte. Daß manche dieser Preise im Laufe Hier müssen zunächst zwei Gruppen von
der Zeit heruntergehen werden, ist mir wenig- Künstlern unterschieden werden, die aner-
stens nicht zweifelhaft. Galerien, die bestimmte kannten und die noch nicht anerkannten. Die
Meister haben müssen, zahlen in einem solchen ersteren erzielen, wie jedermann weiß, schon
Falle auch einmal mehr als ein Bild streng bei Lebzeiten sehr hohe Preise. Wer wollte
genommen wert ist. Aber das ist eigentlich ihnen das verdenken? Wie soll man über-
haupt den Preis eines Bildes be-
stimmen? Hier entscheidet eben
lediglich der Kunstwert, der natür-
lich verschieden eingeschätzt werden
kann, und das Verhältnis von An-
gebot und Nachfrage. Man kann
ein Bild auch nicht nach der Elle
messen oder nach der Zeit, die ein
Künstler daran gemalt hat. Ein
Kunstwerk ist das Resultat ange-
borener Begabung und jahrelanger
Arbeit, man muß also in seinen
Preis die Arbeit früherer Jahre mit
hineinrechnen. Aber wie viel davon
soll man mit hineinrechnen?

Vielleicht ist hier ein Vergleich
erlaubt. Angenommen ein Gelehrter
von Ruf schreibt ein Buch. Er hat
vielleicht zehn Jahre mit den vor-
bereitenden Arbeiten zugebracht.
Die letzte Niederschrift des Manu-
skripte und die Korrektur hat ihn
ein Jahr gekostet. Das Honorar
mag 3000 M. betragen, vorausgesetzt,
daß das Werk guten Absatz ver-
spricht. Jeder Kenner der Verhält-
nisse wird zugeben, daß das noch ein
günstiger Fall ist, daß die literarische
Arbeit des Gelehrten im allgemeinen
viel schlechter bezahlt wird.
franz von lenbach frau f. Und nun vergleiche man damit

Das Origir.al-Gtmälde im Besitz von A. Riegners Hof kunsthandlang in München

den Maler. Er hat vielleicht drei

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