Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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WIENER KUNST-AUSSTELLUNGEN

prüher als sonst hat dieses Jahr die Kunst-
-1 Saison in Wien begonnen. Schon im
Oktober hat der „Hagenbund" seine Pforten ge-
öffnet, um der czechischen Künstler-Vereini-
gung „Manes" ein gastliches Heim zu bieten.

Modern im besten Sinne des Wortes sind
diese Jungezechen der Kunst. Sie gehören
nicht zu den industriellen Verschleißern von
zur Mode herabgezerrten Kunstenunziationen.
Ehrlich, wahrhaftig und im reinen Streben
nach neuer Kulturbildung versuchen sie es,
die Wege zu gehen, welche Frankreich zuerst
den bildenden Künstlern wies. Vielgestaltig
ist die Art, mit welcher diese Künstler das
Leben erfassen und in Stimmungen über-
setzen. Da ist vor allem Uprka, der Bauern-
maler. Eine rein sinnliche Natur und eine
vollsaftige Heim-Natur. In seinen Werken
spiegelt sich das tief in der Tradition wur-
zelnde Leben des czechischen Bauernvolkes.
Sein großes Triptychon der Madonna mit
dem Jesuskindlein, um welches in tiefer An-
dacht die Bewohner des Dorfes knien, er-
innert durch die naiv-volkstümliche Art der
Gruppierung, durch das Festhalten des Volks-
ausdrucks, durch die Charakteristik der
Stimmung an die lebensprühenden Zeitschil-
derungen des Carpaccio. So naiv gesund
Uprkas Empfinden ist, so kompliziert und
geistig erregt sind die Werke Kupka's. Das
Rätsel, das ewig Unergründliche lockt ihn,
Sphinxgestalten zu bilden, phantastische,
traurig-schmerzliche Allegorien zu geben.
Aber auch in Ironie, in Satire äußert sich
diese Melancholie der Lebens - Auffassung.
Mit schneidendem Lachen geißelt er unsere
Weltordnung, wie in der Satire auf den
Kapitalismus. Svabinsky erzielt durch mit
Aquarellfarben kolorierte Federzeichnungen
energische Physiognomie-Wirkungen. Die
Porträts der „Lesenden Frau", des „Alten
Mannes" sind warm und lebensvoll empfun-
den; aber auch seine Landschaften sind groß-
zügig ins allgemeine gefaßt, mit breiter
Charakteristik gemalt. Im Landschaftsbild
entwickeln die Czechen besonders ihre Nei-
gung zum Stimmungsvollen, zur melodrama-
tischen Vibration. Hudezcek und Slavicek
vor allem geben ihre höchst individuell ge-
sehenen Naturausschnitte mit feinster male-
rischer Empfindung wieder. Bis jetzt spricht
aus all diesen Bildern noch eine süße har-
monische Stimmungsweichheit; nur dürfte

diese Note nicht weiter forciert werden, sonst
würde die Elegie zum Süßholz.

Von Plastiken sind Bilek's „Hus" und
seine „Arbeiter", sowie Sucharda's Palacky-
Denkmal jedenfalls Werke, die niemand mit
gleichgültigem Empfinden betrachten wird.
Alles in allem stehen wir hier ehrlichem
Wollen gegenüber, sehen wir allem Streber-
tum abholden Kunstgeist. Die Wege, welche
die Vereinigung „Manes" geht, führen durch
Echtheit zum Können.

Die Herbstausstellung im Künstlerhaus
sinkt allmählich zum Range einer Ausfüll-
Nummer herab. Ganz gleichgültig, ganz dem
Zufälligen ergeben, reihen die Leiter dieser
Vereinigung alles aneinander, was die Ba-
nalitäten des Kunstmarktes gerade an verfüg-
barer Ware aufweisen. So sehen wir dies-
mal eine Viennensia-Sammlung, welche mehr
lokalkoloristische als künstlerische Tendenzen
verfolgte, und die eigentlich jedes modern
aktuellen Interesses bar ist. Gleich daneben
ist Sascha Schneider's Kolossal - Gemälde
„Um die Wahrheit" aufgestellt, und ganz
ohne Rücksicht auf die philosophisch abstrakte
Art dieses Werkes hängte man in denselben
Saal eine realistisch-naturalistische Porträt-
Sammlung des Malers Max Koner. Folgen
noch eine Bilder-Kollektion eines Mün-
chener Kunsthändlers, die manches gute
Stück enthält, aber selbstverständlich eine
vom kaufmännischen Standpunkt zusammen-
gestellte Revue uns vorführt, einige Atelier-
bilder von Wiener Künstlern, eine kleine
Sammlung der Werke des Dürnsteiner Malers
Emil Strecker, und eine Ausstellung der
alten Illustrationen zu des verewigten Kron-
prinzen Rudolfs Werke, die „Oesterreichische
Monarchie in Wort und Bild".

Mitten hinein in diese matte, unfreudige
Arbeitsstimmung dringt ein Ruf von Jugend.
Drei kleine Zimmerchen hat der „Jungbund"
im Künstlerhaus zu Leih bekommen und
dort sein Heim aufgeschlagen. Der „Jung-
bund" ist auch eine Secession. Er gehörte
dem „Hagenbund" an, trat aber infolge von
Mißhelligkeiten noch vor Eröffnung dieser
Vereinigung aus. Dieses winzige Secessiön-
chen hat ganz frische, resolute Kräfte, und
ihre Art ist aus den Errungenschaften
des modernen Kunstgeistes herausgewachsen.

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