Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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DAS KÜNSTLERISCHE IN DER KUNST

Von Konrad Lange

Wenn ich sehe, wie meine Theorie von der Dieser Fall liegt z. B. bei L. Volkmann vor,
ästhetischen Illusion, auch nachdem ich der in seinem Aufsatz über „Das Geistreiche im
sie in einem zweibändigen Werke nach allen Kunstwerk" („K. f. A." lauf. Jahrg. S. 153 u. ff.)
Richtungen hin begründet habe, noch immer dieselben modernen Anschauungen über die
hie und da mißverstanden wird, muß ich an- Loslösung der Kunst von allen nicht-künstle-
nehmen, daß mir die Gabe, meine Gedanken rischen Forderungen vertritt, denen ich in
klar zu formulieren, in ungewöhnlich geringem meinem „Wesen der Kunst"1 Ausdruck ver-
Grade zu Gebote steht. Zwar daß die zünf- liehen habe, und sich dennoch mit meinem
tige Aesthetik das „Wesen der Kunst" ablehnen „Realismus" und meiner „bewußten Selbst-
und meine Beweise mit ganz unhaltbaren täuschung" nicht befreunden kann.
Gründen anfechten würde, habe ich voraus- Es wird mir nicht schwer werden, dies auf
gesehen. Wann hätte die Zunft bei neuen eine Reihe von Mißverständnissen zurück-
Theorien jemals anders gehandelt? Aber daß zuführen. Ein solches ist schon die Be-
auch solche, die ein persönliches Verhältnis hauptung, man könne sich eine bewußte
zur bildenden Kunst haben und in ihrer Ab- und freiwillige Illusion schließlich auch vor
Weisung der inhaltlichen und idealistischen einem schlechten oder geistlosen Kunstwerk,
Forderungen ganz mit mir übereinstimmen, ja vor einer Photographie verschaffen, wäh-
die Grundlage meiner Beweisführung miß- rend nur ein starker Künstlergeist seinen
billigen würden, darauf war ich nicht gefaßt. Werken soviel des Eigenen einzuhauchen

wisse, daß wir seine Anschauung,
seine Stimmung, seine Empfindung
mit zwingender Gewalt uns daraus
zu eigen machen müßten. Das
kommt fast so heraus, als ob ich
die Persönlichkeit des Künstlers
gering anschlüge und meine Illu-
sion eine möglichst objektive Natur-
wahrheit, den möglichst vollstän-
digen Ausschluß der künstleri-
schen Persönlichkeit voraussetzte.

Genau das Gegenteil ist aber
der Fall. Gerade ich habe ganz
ausführlich auseinandergesetzt,
daß eine Photographie schon des-
halb kein Kunstwerk im höheren
Sinne des Wortes sei, weil bei ihr
„die Persönlichkeit des Künstlers
völlig ausgeschaltet", genauer
gesagt auf die Stufe eines den
chemischen Prozeß regulieren-
den Handwerkers herabgedrückt
werde. Und gerade nach meiner
Theorie besteht das Wesen der
Illusion in dem Zustandekommen
zweier Vorstellungsreihen, von
denen die eine sich auf die dar-
gestellte Natur, die andere auf
den darstellenden Künstler be-
zieht. Nur wenn beide Vorstel-
lungsreihen in gleicher Stärke zu
peter Severin kroyer bildnis: sophus stände kommen, sei, so habe ich

schandorph « « ausgeführt, ein rein ästhetischer

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