Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

Seite: 255
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BERNARDO LUINI «««SALOME MIT DEM
HAUPTE DES TÄUFERS
(Das Original im Louvre zu Paris)

DAS KUNSTLERISCHE IN DER KUNST

Von Konrad Lange

(Schluß von Seite 239)

Zunächst leugne ich aufs allerbestimmteste,
daß die Kunst uns eine reichere Anschauung
von der Natur bieten könne als diese selbst.
Ein einfaches Beispiel mag das erläutern.
Wenn ich in einem Walde spazieren gehe,
so nehme ich meine Umgebung mit allen
Sinnen in mich auf. Ich sehe die Formen
und Farben der Bäume, ich höre das Rauschen
ihrer Wipfel und den Gesang der Vögel, ich
rieche den Duft des Tannenharzes und des
auf der Erde verwitterten Laubes, ich fühle
mich umweht von der erquickenden Luft des
Waldes und wandle mit Behagen auf dem
weichen Teppich des Mooses. Ja, ich pflücke
vielleicht sogar eine Erdbeere und erquicke
mich an dem würzigen Geschmack der süßen
Waldfrucht. Kurz, die Vorstellung, die ich
vom Walde bekomme, setzt sich aus einer
Fülle der verschiedenartigsten Sinneswahr-
nehmungen zusammen.

Vergleichen wir damit den Landschafts-
maler, der ein Bild des Waldes malt und dem
Beschauer dadurch die lebendige Vorstellung
des Waldes suggerieren will. Alle Formen
und Farben, die er anwendet, alles Helldunkel,
alle Perspektive ist nur auf einen meiner

Sinne, nämlich den Gesichtssinn berechnet.
Wer wollte es wagen, zu behaupten, daß er
uns eine reichere Vorstellung von der Natur
verschaffen könne als die Natur selbst? Muß
man angesichts dieses Vergleichs nicht zu-
geben, daß die Kunst arm, unendlich arm an
Wirkungsmitteln gegenüber der Natur ist?
Das einzige, was der Maler unter diesen
Verhältnissen kann, ist, daß er sich mit
seinen beschränkten Mitteln so viel von den
optischen Wirkungsmomenten der Natur
aneignet, als ihm nur immer möglich ist,
daß er gewissermaßen die den anderen
Sinnen entnommenen Wirkungsmittel in die
optische Wirkung übersetzt, die ganze op-
tische Seite der Natur in möglichst gestei-
gerter Weise zur Geltung zu bringen sucht.
Diese Uebersetzung und Steigerung ist seine
eigentliche Kunst, und sie besteht in all jenen
Mitteln der Accentuierung, Abkürzung, Ver-
deutlichung, die ich wiederholt geschildert
habe und von denen Hildebrand einen Teil
unter dem Namen „Das Problem der Form"
zusammengefaßt hat.

Aber alles, was der Künstler damit erreicht,
ist immer nur ein kümmerliches Surrogat der

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