Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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WALTER LEI STIKO VC'
Nach einer Lithographie von Edvard Münch

WALTER LEISTIKOW

Von Julius Elias

rxer Leser sei eingeladen, die Bilder, Bild-
chen und Studien zu betrachten, die
dieses Heft schmücken in nicht willkürlich
gewonnener Auswahl; mir aber mag es
unterdessen erlaubt sein, von dem Schöpfer
dieser landschaftlichen Empfindungswelt zu
erzählen: in welchem Licht er mir erscheint
als Maler, menschlicher Charakter, Literat.
Wie man von einem alten Kriegskameraden
erzählt. Die Geschichte der neueren Ber-
liner Malerschule ist eine Geschichte von
Kämpfen: mit der Tradition, mit der staatlich
beglaubigten Kunstübung, die zwar im Be-
sitze ist, aber meistens nicht im Recht, mit
dem Publikum und nicht zum wenigsten mit
sich selbst. „Die Schule dieser Tage durch-
gegangen", diese heiße Schule, kann man
ihre immerhin erfreulichen Ergebnisse heute
mit kühlerem Gemüte überschauen.

Im Kreis unserer „Freien Bühne", unter
Dichtern, Mimen und Kritikern hat sich einst
ein junger Maler getummelt, der für eine
ringende Seele galt, und dessen künstlerische
Anschauungen wie Bemühungen tiefer und
umfassender waren, als das sonst wohl bei
jungen Malern der Fall zu sein pflegt. Diese
ringende Seele war am Friedrichshagener
Musenberge angesiedelt, wo damals die Ger-
hart Hauptmann, Max Halbe, Brüder Hart,

Bruno Wille, Wilh. Bölsche, im Frühling
ihres Zornes, alte Künste zerschlugen und
ein Neues zu erschaffen suchten. Leisti-
kow war auf dies Milieu vorbereitet worden
durch den glücklichen Verkehr mit einer
Familie, in deren begabtem Geschwisterkreis
man eine sehr feine Witterung für literarische
und künstlerische Fortschritte hatte. Die
besseren Teile jener nicht eben originalen
Erzählung, worin Leistikow ein tastendes
Menschenkind „auf der Schwelle" ins Künst-
lerdasein zeigt, füllt die Schilderung dieser
halb zigeunernden, halb durch frühere Ge-
sellschaftskultur glänzenden Familie aus.

Hier also liegen die Keime dessen, was später
die eine, sehr wichtige Seite seines Wesens
ausmachen sollte: der Maler Leistikow lehrt
Kunst, dichtet Romane und Dramen, schreibt
Kunstkritiken. Wie heutzutage in den meisten
Gelehrten, so steckt in sehr vielen Künstlern
ein Stück Journalist. Nicht daß alle selbst
schrieben, aber sie finden — sei's planlos
oder mit Absicht — ungezählte Kanäle, um
die Federn der Schreibenden zu beeinflussen,
und oft, wenn ich über diesen Maler oder
über jenen lese, ist mir, als ob der Schrift-
steller bei aller Redlichkeit doch nur dar-
stelle, wie der Künstler selbst sich und sein
Werk der Mit- und Nachwelt überliefert zu

Die Kunst für Alle XVIII. 15. 1. Mai 1903.

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