Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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-*-&Ö> DIE FÜNFTE VENEZIANER KUNSTAUSSTELLUNG

Weniger bekannt sind bei uns die meisten
italienischen Künstler; mit einigen, und keines-
wegs immer löblichen Ausnahmen pflegen sie
im Lande zu bleiben und kommen überhaupt
nur selten vor ein größeres Publikum. Hier-
von eine Folge mag ihre fortdauernde Vor-
liebe für das Genrebild sein, das aber in
guten Stunden seine berüchtigten Eigen-
schaften gegen bessere vertauscht und ge-
legentlich durch ernste Gegenstände, origi-
nelle Auffassung und künstlerische Behand-
lung imponiert. Vielleicht das beste wird
bei Landschaften mit reicher Staffage geleistet:
hier zeigt sich tüchtige, solide Schule und
klare, oft herzerfreuende Frische und unver-
künstelte Auffassung. Auch das Bildnis bleibt
nicht zurück; Felice Castegnaro und Um-
berto Veruda haben davon gute Proben,
malerisch, lebendig, charaktervoll, beigebracht.
Große Historien blieben, aus und die reli-
giöse Malerei scheint von hervorragenden
Meistern nur selten betrieben zu werden;
vermutlich hemmt die strenge kirchliche
Tradition auch in Italien jede freiere Be-
handlung. Das Kolossalgemälde von Gaetano
Previati „Die Himmelfahrt Mariä", das in

Die italieni-
sche Skulptur
scheitert bei
allegorischen
Gegenständen
noch immer
leicht am hoh-
len theatrali-
schen Pathos;
im Bildnis ist
scharfe, viel-
leicht über-
mäßig scharfe
Charakteristik,
wieauchCANO-
nica sie liebt,
ihre Stärke;
und eine Spe-
zialität bildet
bei ihr die vir-
tuose Technik,
wie sie etwa in
der großen und
sehr kompli-
ziertenGruppe
von Clemente

zeichnerischer Manier nur mit braunen Tönen URB nono « beim tätow ieren Origo „Der
auf blauem Grunde ausgeführt ist, wird trotz Kunstausstellung in Venedig Lastwagen",

seiner intensiven, schwärmerischen Mystik einem Bronze-

und ekstatischen Stimmung schwerlich jemals guß ä cire perdue von erstaunlicher Voll-
einen Platz in einem Dome finden. endung, zum Ausdruck gelangt.

Auf die italienischen Künstler, die in Venedig
versammelt sind, näher einzugehen, hieße
ein zweites Heft dieser Zeitschrift füllen.
Man müßte viele neue Erscheinungen auf
Grund weniger ihrer Werke darzustellen
suchen und aus einem Gewirr sich kreuzender
ausländischer, besonders französischer und
Münchener, wie auch einheimischer Einflüsse
(Segantini und Michetti in der Landschaft!)
das nicht scharf hervortretende Eigene heraus-
klauben. Trotzdem würden dem deutschen
Leser die meisten Namen Schall und Rauch
bleiben, und so sei zum Schluß nur das
Gesamturteil gewagt, daß die ernste Arbeit,
die in Italien auf allen Gebieten einzusetzen
beginnt, auch der Kunst zugute kommt, und
daß die venezianische Ausstellung auch in
diesem Jahr die Beweise eines gesunden
Fortschritts der Künstler erbringt.

august renoir badende

LESEFRÜCHTE

Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprech-
lichen.

Goethe

Künstler wird nur der, welcher sich vor seinem

eigenen Urteil fürchtet.

Kunstausstellung in l enedig J Anzengraber

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