Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 22.1906-1907

Seite: 398
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-.5^> DIE FRÜHJAHR-AUSSTELLUNG DER WIENER SECESSION <ö2-*-

Sohle. Diesen Figuranten eignet die besondere
Haltung verschiedener Temperamente, die
weniger durch die Farben als durch Umrisse
sich aussprechen; es gibt da humoristische
und bedächtige und sorgfältig verschränkte
Linien der mit echtem Raumgefühl ins Licht
gestellten Körperlichkeit. Solchem stilisieren-
den Realismus geht Bacher noch weiter in der
Büste einer Greisin (s. Abb. S. 397) nach, die

ALFRED HOFMANN DIE JUGEND

Frühjahr-Ausstellung der Wiener Secession

beweist, daß der Künstler, der nur selten an
Ausstellungen sich beteiligt, seine Fähigkeiten
stetig erweitert.

Rudolf Jettmar findet sein Genügen nicht
in der Radierung allein, die ihm gestattet, dem
schnellen und hohen Flug der Phantasie rasch
zu folgen. Unter den Gemälden, zu denen ihn
es immer wieder drängt, sind ihm bisher mit
elegischen Stimmungen erfüllte Landschaften
und ein Zyklus von abenteuerlichen Kämpfen
mit fabelhaften Untieren am besten gelungen.
Die ihm eigentümliche Formgebung hat er
nun in einer figurenreichen Komposition „Der
Sturm" erheblich geklärt, die satten, etwas
wächsernen Farben erhellt. Wie die Wolken
im Wind einander schieben, sich ballen und
wieder lösen, so reißt es dieses Konglomerat
menschlicher Gliedmaßen schicksalsmächtig
ohne Widerstand hin, hoch über der Erde im
Blau des dunklen Himmelsraums. Es ist das
Gleiten einer Vision, die noch einmal vor dem
inneren Auge vorüberzieht. Anders wirklich-
keitsfremd, doch einer ruhig seeligen Betrach-
tung entsprungen, erscheint die Idylle „Der
Waldkönig und das klagende Mädchen" von
Maximilian Lenz (s. Abb. S.400), schwärme-
risch auch in den wohllautenden Farben, wäh-
rend die Märchenerzählungen von Maximilian
Liebenwein (s. Abb. S. 396) mehr im Konturen-
stil, wie er sich seit Schwind entwickelt hat,
gehalten sind. Friedrich König, dessen Eigen-
art lustiger in dem „ruhenden Amorettchen",
das in den Zweigen eines Blütenbaumes sein
Schläfchen hält, zum Ausdruck kommt, bringt
einen weiblichen Akt (s. Abb. S. 394) auf pom-
pejanisch rotem Hintergrund, der durch das
Grün in dem Tondo mit dem Kentauren fein
pointiert wird. Luigi Bonazza debütiert mit
einem „Orpheus" (s. Abb. S. 400), in dem aller-
hand auf Ausstellungen geholte Anregungen
nachklingen; obwohl das große Ganze nicht
technisch einheitlich behandelt ist, (das Meer
in klingerisch flächenhafter Manier, die Ge-
stalten in einem zu dichten Spritzern gewor-
denen Pointiiiismus,) ergibt sich eine starke
plakatmäßige Wirkung. Mitgroßen dekorativen
Aufträgen beschäftigt, bringt Karl Ederer nur
Studien dazu; energisch, wie er alles anpackt,
hat er das Zeug in sich, uns ein Frank Brangwyn
der ihm besonders vertrauten Tierwelt zu wer-
den. Dekorative Entwürfe, bunt wie aus den
Federn exotischer Vögel zusammengesetzt,
stammen von dem schon erwähnten Mehof-
fer, von Offner die Skizze eines Theater-
vorhangs, sehr zweckgemäß erdacht, ein Ge-
webe von Ranken, in denen sich allerhand
Gelichter in neckischen Liebes- und Tanz-
spielen tummelt. Stand bei diesen schlanken

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