Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 25.1909-1910

Page: 469
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kfa1909_1910/0507
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
WILHELM LINDENSCHMIT UND SEINE SCHULE

WILHELM LINDENSCHMIT

UND SEINE SCHULE

Tm Münchner Kunstverein hat man das Gedächtnis
* des im Jahre 1895 verstorbenen Akademieprofessors
und Malers Wilhelm Lindenschmit in der Weise
geehrt, daß man in einer nach möglichster Voll-
ständigkeit strebenden Kollektivausstellung seine
zahlreichen großen Historienbilder zur Aufstellung
bringt und daneben, in viel zu bescheidener,
knapper Auswahl auch Proben von seinen Porträten
und Studien gibt, und den Werken des Meisters
endlich noch eine Darbietung von Gemälden und
Studien der einstigen Schüler Lindenschmits an-
schließt. — Es will mir scheinen, es habe den
Arrangeuren der Ausstellung die nötige Distanz zu
ihrem Gegenstand gefehlt. Sonst hätten sie wohl
erkennen müssen, daß in unseren Tagen auch
Wilhelm Lindenschmit nicht mehr imstande ist, die
Historienmalerei älterer Provenienz goutable zu
machen; Piloty und die Allzu-Getreuen seiner
Schülerschar haben dafür gesorgt, daß wir uns an
den >gemalten Unglücksfällen; gründlich sattge-
sehen haben, freilich haben sie damit zugleich das
lange schlummernde ästhetische Reinlichkeitsgefühl
in uns wieder wachgerüttelt. Lindenschmit hat in
seinen Motiven nur zu große Aehnlicbkeit mit Piloty;
auch bei ihm gibt es Kerker- und Abschiedsszenen,
Schlachten und Gefangennahmen, Ordensgründungen
und Religionsgespräche: die Reformation und ihr
Zeitalter interessierten ihn besonders. Er malte

seine Bilder nun freilich koloristisch durchaus gut,
besser als Piloty, aber der aufgezwungene, oft gänz-
lich unmalerische Gegenstand läßt auch seine Kom-
position gestellt und gewaltsam erscheinen. Man
bedauert es angesichts dieser Tatsache außerordent-
lich, daß man nicht, unter gänzlichem Verzicht auf
diese riesigen Leinwände, sich auf die kleineren
Werke Lindenschmits beschränkte, auf seine zahl-
reichen Bildnisse, Studienköpfe und Landschaften,
zu denen wohl auch einige seiner mehr genrehaften
Arbeiten hätten geschlagen werden können. Was
man in dieser Richtung auf der Ausstellung fand,
befriedigte sehr: es gab da rassige Porträtköpfe,
einige intime Landschaften aus der Umgebung von
Paris, wo Lindenschmit zusammen mit Viktor Müller
und L. v. Hagn zu Beginn der fünfziger Jahre weilte,
Farbskizzen u. a., das dem Kenner viel wertvoller
erscheinen muß als die ausgeführten Gemälde, von
denen man die meisten an und für sich schon im
Jahre 1895 im Münchener Glaspalast gesehen hat. —
Von den Schülern ragen namentlich die Porträtisten
hervor: Kreling, Bär, Eckerler, Harburger und Löwith
sind mit ganz außergewöhnlich plastischen Studien-
köpfen vertreten; ferner ist da Alfred Zimmermann
mit einer >Landung des Kolumbus«, die von stärkster
koloristischer Wirkung ist, Hirth du Frenes mit einer
sehr interessanten, breit hingestrichenen Münchner
Marktszene, Egger-Lienz mit betenden Bauern, Hugo
König mit einem Schäferbild, Marr mit einer Lands-
knechtsszene >Frundsberg«, Tina Blau und Josua
v. Gietl mit Landschaften und Samberger mit einem
lebensgroßen Porträt des damals noch jungen Adolf

469
loading ...