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Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 30.1914-1915

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Bundi, Gian; Welti, Albert [Ill.]: Albert Weltis Landsgemeinde-Freske im Ständeratssaal in Bern
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https://doi.org/10.11588/diglit.13093#0268

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Nachwelt überliefert. Nur halb sichtbar blickt
er als äußerste Figur rechts auf den Beschauer
herab.

Im Ring selber hält ein junger Landmann
gerade eine Rede, er steht (im zweiten Bogen
rechts) auf der Mauer und streckt, offenbar zur
Betonung einer Kraftstelle, den Arm hoch em-
por. Die Aufmerksamkeit der meisten Teil-
nehmer ist auf ihn gerichtet, vom Landammann,
der sich auf das Landesschwert stützt, bis zu
den Stimmenzählern, die auf einem erhöhten
Holzgerüst in ihren weiten Mänteln Platz ge-
nommen haben. Besonders ausdrucksvoll ist
dieses Motiv bei einem, der auf der entgegen-
gesetzten Seite des Ringes steht (im zweiten
Bogen links) und die Hand ans Ohr hält, um
ja kein Wort zu verlieren. Das Horchen auf
den Redner gab so gewissermaßen die innere
Disposition. Schwere Mühe aber kostete es
Albert Welti, bis er auch über die äußere An-
ordnung mit sich im klaren war. Ich weiß aus
seinem eigenen Munde, daß es Stunden gab,
wo er daran verzweifelte, die rechte Lösung zu
finden. Auf den ersten Entwürfen halte Welti
den Landsgemeindeplatz so gestellt, daß eine
von den umschließenden Mauern parallel dem
untern Bildrande lief. Wie er nun daran ging,
die Volksmenge zu gruppieren, wollte sich
nichts recht einfügen. Jeder schaffende Künst-
ler wird schon die Erfahrung gemacht haben,
daß das Nächstliegende oft am längsten unbe-
achtet bleibt. So ging es auch Albert Welti.
Er quälte sich wochenlang, ohne darauf zu
kommen, daß einzig die quer durchs Bild ge-
legte Mauer die Schuld an dem Mißlingen trage.
Schließlich warf er verzweifelt alles beiseite
und machte sich an eine andere Arbeit. So
saß er eines Tages über einer Radierpiatie, da
schoß ihm plötzlich der Gedanke auf: „Und
wenn du das Viereck einfach drehtest und statt
der Längsseite eine Spitze vornähmest?" Er
griff sofort wieder zu seinen Entwürfen und
siehe da, die Lösung war gefunden. Nun ord-
neten sich die Massen wie von selbst. Zu
beiden Seiten der zurückweichenden Mauern
war Platz gewonnen für Wache haltende Mi-
lizen, für Frauen und Kinder. Und im Innern
des Ringes war die Möglichkeit gegeben, die
Mittelgruppe viel stärker zu betonen, da nun

von der Spitze aus die Linien zurücklaufen
und in den Gestalten der Behördevertreter auf
dem Podium gipfeln. So ist eine Komposition
entstanden, in der die malerische und die stoff-
liche Bewertung der Einzelheiten in glück-
lichster Weise geeint sind. Stofflich bedeut-
sam und malerisch bedeutsam ist nun eines.

Auch dem NichtSchweizer wird bei Betrach-
tung der einzelnen Typen sofort auffallen, daß
sie wirkliches Leben in den Zügen tragen.
Für uns Schweizer sind sie viel mehr. Alles,
was wir hier sehen, ist Geist von unserm Geist.
Albert Welti und Wilhelm Balmer sind wochen-
lang in den Bergen der Innerschweiz umher-
gewandert und haben reichgefüllte Studienmap-
pen heimgebracht. Was sie dort in schönen
Sommertagen gefunden, hat dann den Kartons
von Albert Welti das höchst eigenartige Leben
verliehen, das heute von der Wand des Saales
in die Beratungen des Kollegiums der Stände-
vertreter hineinleuchtet.

Man kann wohl von „Leuchten" reden, denn
die Farben des Bildes sind von jener satten,
tiefen Glut, die man auch in den Oelbildern
des Meisters bewundert. Wilhelm Balmer hat
es verstanden, die farbigen Werte des Oelent-
wurfes genau festzuhalten. Der früher etwas
düstere Saal ist wie verwandelt, seit die
Landsgemeinde-Freske die Wand schmückt.

Es soll allerdings nicht verschwiegen werden,
daß die Arbeit Weltis auch Gegner gefunden
hat, in der Hauptsache Vertreter der Ansicht,
im Freskobilde müsse die Fläche Fläche blei-
ben. Sie dürfe nicht zu Raum vertieft werden.
Ueber die Richtigkeit dieses Axioms läßt sich
reden, nur muß doch wohl in Betracht gezogen
werden, von welcher Art der Raum ist, für den
man das Kunstwerk bestimmt. Große flä-
chige Figuren können ungeheuer wirken, wenn
der Raum ihnen entspricht. Das wäre in un-
serm Falle sicher nicht eingetroffen. Die Freske
ist sechs Meter hoch und zu ihrer Betrachtung
bleibt nur eine Entfernung von zwölf Metern.
Albert Welti, bei aller phantastischen Inspira-
tion eine eminent sachliche Natur, hat das in
Betracht gezogen, und darum hat er, unbe-
kümmert um Mode und Richtung, die Freske
so gemalt, wie sie seiner Meinung nach gerade
für diesen Raum gemalt werden mußte.

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