Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 32.1916-1917

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PAUL WEBER OBERHESSISCHE KINDERGRUPPE (1868)

Großh. Landesmuseam, Darmstadt

PAUL WEBER

Von Adolf Beyer

Im Alter von nahezu 94 Jahren starb im
letzten Herbst in München ein deutscher
Maler, dessen ganz ungewöhnlich reiches Schaf-
fen eine weit größere Beachtung verdient, als
es seither gefunden. Paul Weber war ge-
wiß kein unbekannter Mann gewesen, sein
ungeheuer umfangreiches Werk, seine Betei-
ligung an zahllosen Ausstellungen, seine freund-
schaftlichen Beziehungen zu vielen unserer Be-
sten während mehr als zwei Menschenaltern hat-
ten seinen Namen bekannt gemacht. Daß eine
so stille, innige und gediegene Kunst, so wun-
dervolle poetische Schilderungen des deut-
schen Waldes wie die Paul Webers indes nicht
in weit größerem Maße volkstümlich und ver-
breitet, daß ihm in den langen Jahren seines
Schaffens in keinem Kunstblatt eine ausführ-
liche Würdigung zuteil wurde, daß über-
haupt so selten Werke von ihm in Kunst- und
Familienblättern vervielfältigt wurden, daß nur
wenige deutsche Galerien Werke von ihm be-
sitzen, ja daß man ihn auf der Jahrhundert-
ausstellung in Berlin 1906 ganz vergessen hatte,
ist schwer verständlich und teilweise nur da-
mit zu erklären, daß sehr viele seiner Haupt-
werke sofort nach dem Entstehen nach Arne-

Ein Teil der in unserem Aulsatz abgebildeten Gemälde be-
findet sich zurzeit in der Ausstellung im Kgl. Glaspalast in
München.

rika gingen und daß er zahllose seiner besten
Schöpfungen, die vor der Natur gemalten,
ganz wundervollen Studien, nur selten aus der
Hand gab, — vor allem aber wohl durch seine
ganz ungewöhnliche Bescheidenheit. Derrastlos
tätige Mann fand alles Glück nur in seiner
Arbeit und war frei von jedem Strebertum.

Paul Weber war der Sohn eines Hofmusi-
kers in Darmstadt, er wurde dort — es liest
sich wie eine Kleinstadtgeschichte aus der Bie-
dermeierzeit — hoch oben auf dem Stadt-
kirchturm 1823 geboren. Es mußte zu dieser
Zeit stets ein Musiker auf dem Turme woh-
nen und Webers Vater hatte dies Los getroffen.
Sehr früh erhielt der begabte Junge künstle-
rische Eindrücke. Die damalige Residenz Darm-
stadt war ja eine gar kleine stille Stadt, indes
hatte der Hof künstlerische Interessen, unter-
hielt ein vortreffliches Theater, eine ganze An-
zahl tüchtiger Maler, Bildhauer und Kupfer-
stecher arbeiteten dort. Unter dem 1830 ver-
storbenen kunstsinnigen Großherzog Ludwig I.
war die Gemäldegalerie geordnet, vermehrt und
zugänglich gemacht worden. Durch den künst-
lerischen Verkehr des Vaters wurde Paul mit
dem tüchtigen Miniaturmaler F. J. Hill bekannt,
der die Kunstliebe des Knaben weckte und ihn
auf das Studium der Natur hinwies.

„Ungerne besuchte ich die Schule und wo

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