Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

Seite: 63
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NEUE BÜCHER

Minetti,Henry. Osmanische provinziale Bau-
kunst auf dem Balkan. Hannover, Orientbuch-
handlung H. Lafaire.

Die Beispiele osmanischer Baukunst am Bal-
kan gehören mit wenigen Ausnahmen einer bäuer-
lich-schlichten, biederen, kurz einer provinzialen
Richtung an. Weder in Größe noch in Pracht,
weder in Durchgeistigung noch völkischer Kraft
lassen sie sich mit den Kernlanden des Osmanen-
tums und den Meisterwerken in Konstantinopel,
Brussa und Konia vergleichen. Trotzdem ver-
dienen diese Bauten in mehr denn einer Hinsicht
unser erhöhtes Interesse. Leicht gebaut, mehr
dem Gefälligen und Gemütvollen als dem Ernsten,
Monumentalen zuneigend, gehen diese Zeugen der
ehemaligen, jetzt ja auch schon vom Balkan ganz
verdrängten Türkenherrschaft einem raschen Ver-
fall entgegen, auch wenn der Weltkrieg sie stel-
lenweise verschont hatte. Hierbei verlieren wir
aber nicht nur eine Fülle gefälliger architektoni-
scher Lösungen und künstlerisch fruchtbarer An-
regungen, sondern auch eine historisch und eth-
nographischbeachtenswerte, von mancherlei Strö-
mungen abhängige, und trotzdem bodenständig
gewordene Volkskunst. Die Gegend von Nisch
bis Saloniki, von Monastir bis Philippopel ist der
Raum, auf dem sich die seßhaften Stämme der
Serben und Griechen mit den eindringenden Os-
manen mischten; zugleich ist es aber auch die
Zone, in der eroberndes Osmanentum auf den Ein-

fluß Mitteleuropas stieß. Deutlich spiegeln sich
besonders in den architektonischen Details, deren
in Minettis Buch eine ganze Anzahl aus Innen-
räumen (Täfelungen, Decken, Cheminees, Öfen,
Geländer usw.) gegeben sind, die Einwirkung
wieder, welche europäisches Barock und der Klas-
sizismus ausgeübt haben. Diese Vermengung steht
keineswegs vereinzelt da, auch in Konstantinopel,
durch Vermittlung dortiger europäischer Kolo-
nien und des Stadtviertels Fanar und in Syrien
durch die Beziehungen zu Frankreich hervorge-
rufen, ist Ähnliches zu beobachten, nur fand es
bis heute wenig Beachtung.

Am Balkan hat diese Mischkunst, der leicht
etwas Spielerisches, Unreifes und Widerspruchs-
volles anhaftet, die freundliche ländliche Note, die
in ihrer unbekümmerten Buntheit alle Unzuläng-
lichkeiten vergessen läßt. Um diesen naiven Reiz
richtig zu schildern, war es sehr wertvoll, daß
der Verlag, der dem Buche Minettis eine sorg-
same Drucklegung angedeihen ließ, zwei charak-
teristische Beispiele nach Aquarellen als muntere
Farbtafeln brachte: eine graublaue Holztüre mit
rot und gelben Füllungsfeldern im Rautenmuster,
und denMihrab, der, mit dem 16. Jahrhundert wohl
zu früh datierten, Moschee von Küstendil (Imäret
Dschami). Hier ist das kristallinische Zierwerk
der sogenannten Stalaktiten (Mukarnas) sehr bunt,
wieder in unmittelbarer Gegenübersetzung der
Grundfarben behandelt. Es ist mir bisher — außer
in Holzwerk — ein einziger ähnlicher Fall be-
kannt geworden. Bei der Moschee Sultan Suleimans

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