Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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HAMBURGER
KUNSTBRIEF

Bildende Kunst pflegt
man in Hamburg eini-
germaßen wie das solide
Geschäft: vorsichtig und
zurückhaltend, aber doch
nicht rückständig und
ohne gelegentliches Wag-
nis. Das gutwillige, nicht

eben vorgeschrittene
breite Publikum bedarf
der Schonung, die, wenn
sie absichtsvoll erziehe-
risch, sozusagen mit pro-
pädeutischem Geschick
gehandhabt wird, des Er-
folges sicher sein darf. Die
Kunsthalle und die neu-
begründete Gesellschaft
ihrer Freunde hat gute
Absichten und ein verläß-
liches Arbeitsprogramm,
das sich vorläufig mehr
in sicheren Breiten als
nach sucherischen Tiefen
zu entwickelt. Mit zwei
Porträten vonMunch, de-
ren zündend-farbige In-
tensität eines leuchten-
den Blau, verbunden mit
einer außerordentlichen
Stärke des Psychologi-
schen, eine unverminderte
Schöpferwucht desKünst-
lers bekunden, ist man-
cher Fehlschlag zeitge-
nössischer Erwerbungen
der letzten Jahre korri-
giert.— Durch Einfügung

der Schenkung Amsinck bruno beran bildnis

mit vorzüglichen häeispie- Ausstellung in Brakls Kunsthaus, München

len der Landschaft von

Fontainebleau und einigen ausgezeichneten Men- an den Kolonnaden. Der Besitzer empfängt selbst
zels, ließ sich eine teilweise Durchordnung der als Hausherr und versteht auch widerstrebenden
Galerie ermöglichen. Nimmt man die Leihgabe Gästen jene Achtung vor dem Kunstwerk abzu-
der Grönvoldsammlung hinzu, die eine treffliche nötigen, aus der bei nicht ganz Verstockten ein-
Ergänzung der Hamburger des frühen 19. Jahr- mal Liebe werden kann. Von der idyllischen Land-
hunderts bedeutet, so mag die Kunsthalle heute schaftskunst Fritz Friedrichs und Ahlers-Hester-
vielleicht den besten Begriff von europäischer, nicht manns bis zur Povorina-Hestermann und Alma Del
nur von deutscher Malerei seit 1800 zu geben. Es Banco entfaltet sich eine gepflegte Palette vom
gibt sogar mancherlei, was man selbst in der Na- farbigen Reichtum bis zur sinnlichen Üppigkeit,
tionalgalerie nur ungern entbehren muß, vorzüg- Das historisch ebenso wichtige wie künstlerisch
lieh unter den großen Franzosen der Sammlung wertvolle Zwischenspiel zwischen dem landläu-
Theodor Behrens — wenn man nur beruhigende figen Im- und Expressionismus behauptet hier
Aufklärung über den scheinbar verdächtig be- einen qualitativen Rang, wie er sonst nur von
gonnenen Abbau dieser Tribuna impressionisti- dem zu schnell vergessenen Götz von Seckendorff
scher Kunst erhalten könnte. Einer der besten Ce- erreicht wurde. Fast hebt sich der Eindruck einer
zannes und Van Goghs „Irrenhausgarten" sind von starken Talenten getragenen einheitlichen
seit einiger Zeit verschwunden und scheinen nicht Schule von hochkultiviertem, malerischem Ge-
mehr zurückfinden zu sollen. schmack und bildmäßigem Gestaltungsvermögen
Die inoffizielle, private Kunstpflege reicht von ab. Es gibt auch in Hamburg modernere, meinet-
den Hamburger Nachimpressionisten bis zu Otto wegen zeitgemäßere Künstler, die anläßlich ihrer
Dix, mit dem man gleichzeitig Karl Hofer und zu erwartenden Frühjahrsausstellung nicht un-
Emil Nolde sehen kann, der für die Hamburger besprochen bleiben sollen. Hier aber ist eine
durch Sauerlandt sanktioniert wurde. Einheimische wenn auch begrenzte Vollkommenheit erreicht,
Künstler im arrivierten Alter führt die mit viel die man nicht geringer schätzen sollte als Kampf
Optimismus und erfreulichem Unternehmungs- und Ringen der noch Strebenden,
geist neubegründete und mit einem echt kunst- Das graphische Kabinett Maulhardt in der
politischen Idealismus geleitete Galerie Hofmann Caffamacherreihc verspricht in Hamburg die füh-

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