Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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DIE JUBILÄUMSAUSSTELLUNG DES
MÜNCHNER KUNSTVEREINS

Ein Geburtstagskind, das am 16. Februar auf
ioo Jahre reger Tätigkeit zurückblicken
durfte und im Münchner Kunstleben eine nicht
ganz unwichtige Rolle zu spielen hatte und
auch in Zukunft zu spielen beabsichtigt, hatte
zur Feier dieses Ereignisses eine retrospektive
Ausstellung veranstaltet, die in die Zeit der
Gründung und die beiden folgenden Jahrzehnte
zurückführte. Wirkte diese stolze Bilderschau
auch naturgemäß in den außerordentlich gün-
stigen, nahezu idealen, Ausstellungsräumen un-
terschiedlich, mochte man einiges, am schmerz-
lichsten wohl die Bilder der Tegernseer Galerie,
vermissen und einiges noch besser vertreten
wünschen, im ganzen war es ein wohlgelunge-
nes, abgerundetes Bild.

Man erinnere sich: was bedeutete im Jahre 1824
die Gründung des Kunstvereins? Was wollten
jene Männer: D. Quaglio, J. Stieler, Peter Heß,
Joh. M. Mettenleitner, Fr. Gärtner und der Litho-
graph Winter mit ihr? Ihr Programm hieß:
Erweckung der Liebe zur Kunst, Schaffung
einer Gelegenheit für die Künstler „zur freien
Entwicklung und zum Verkauf ihrer Werke".
Ihr Lokal war anfangs Winters geräumiges
Heim, 1826 das Himbselhaus und schließlich

1865 das jetzige im Hofgarten. Ihre Richtung
war die Richtung der sogenannten „Fächler",
jener Zweige der Kunst, die als Spezialfächer,
wie z. B. die Landschaft und das Genre, an der
Akademie damals keine Pflege, keine Unter-
kunft fanden. Denn solche Bilder hatten
nicht die Billigung des gestrengen Klassizisten
P. von Langer und nicht den Beifall des P. Cor-
nelius und seiner Schule. Sie (Langer und
Cornelius) vermißten die von ihnen gewünschte
Gesetzmäßigkeit und Klarheit, die wohlgeord-
nete Komposition, die stille Größe und das
ideale Pathos. Die eigentliche große Bedeutung
aber für die Zukunft brachten dennoch jene
„Fächler" durch ihre wichtigste und größte
Tat: die Pflege der Münchner Stimmungsland-
schaft. Weshalb auch in der Ausstellung das
Landschaftsgemälde bei weitem überwog. Das
Bildnis lag ja auch im Aufgabenbereich der
Klassizisten. Aber schon Stieler malte keine
rein klassizistischen Bildnisse. Die Ausstellung
ermöglichte die Nachprüfung. Man sah, wie in
den gezeigten, sehr charakteristischen Bild-
nissen ein Stieler mehr jener, schon weicheren,
malerischen Richtung angehörte, die in der
Farbenfreudigkeit und Einzelausführung etwa

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