Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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Qualität achtungswert ist, so hilft uns dies doch
nicht über die Tatsache hinweg, daß sie für das
naiv empfindende Publikum wirkungslos blei-
ben, also grade die Eigenschaft entbehren, wel-
che die Voraussetzung der echten Ausdrucks-
kunst ist: die unmittelbare Hervorrufung einer
seelisch bedeutsamen Wirkung durch optische
Darstellungsmittel.

Welche Rolle der heutige Expressionismus
einmal in der Entwicklungsgeschichte der Ma-
lerei spielen wird, läßt sich so wenig sagen, wie
es sich sagen läßt in welcher sozialen und psy-
chischen Phase wir heute eigentlich leben. Über
diese Dinge hat zu allen Zeiten erst die Nach-
welt und der endliche Erfolg Aufschluß geben
können. Daß die moderne expressionistische
Kunst eine tiefe und für die Nachkommen auf-
schlußreiche Bedeutung hat, ist zweifellos. Nur
liegt diese Bedeutung schwerlich auf dem Ge-
biet, auf dem wir sie heute suchen.

Das bewußte Ringen um seelischen Gehalt
und seelischen Ausdruck in Verbindung mit
dem Nichtvorhandensein seelischer Werte, das
bewußte Streben nach Unmittelbarkeit, nach
Empfängnis, nach Produktivität und das hoff-
nungslose Erlahmen in Unfruchtbarkeit und
zerebraler Abstraktion ist für jeden Denkenden
ein schwer wiegendes Moment — nicht nur in
bezug auf das Verständnis der modernen Malerei.

Was sind die letzten Jahre anders gewesen als
ein verzweifeltes Ringen um das, was wir
„Ideale" nannten, um Fruchtbarkeit unserer
Phantasie, um lebendiges wirkendes Sein? Wir
haben vergeblich versucht, unsere erkalteten
Sinne in Strömen roten Blutes zu erwärmen.
Wir haben vergeblich versucht — weil wir es
„versuchten", mußte es „vergeblich" sein — im
Donner der Geschütze, im Röcheln der Sterben-
den, in der Totenklage der Mütter unsere Be-
wußtheit zu betäuben. Ebenso umsonst versucht
heute unser Volk dem Leben näher zu kommen
in Tanz und Völlerei. Wer zu sehen verstanden
hätte, der hätte aus der Malerei des Expressio-
nismus den heutigen seelischen Bankrott, der
wahrhaftig schlimmer ist wie der wirtschaft-
liche, vordeuten können. Die Tragik des „Um-
sonst", welches die Signatur der gegenwärtigen
Epoche zu sein scheint, das bittre Leid der
Jugendkraft, der Zusammenbruch alles Beste-
henden, aller Form, die Auflösung aller bis-
herigen Wertbegriffe, das Chaos von Verwesung
und embryonalem Leben, erscheint in der ex-
pressionistischen Malerei unserer Tage wie in
einem Spiegel.

Einst, wenn das Chaos versinkt, steigt die
deutsche Kunst empor aus dem Unbewußten.

Robert West

AUS„TARTÜFF"
Verlag
Dr. lalias Schröder,

JOHANNES THIEL Tegernsee

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