Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

Page: 200
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kg-zs-innendekoration1892/0251
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Zllustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Znnen-Dekoration.

November-kfeft.

Zeile 200.

^er Mrchttekt irr feinen Beziehungen zue -Hirnen-^Mekorati an.

Kurze Betrachtung

an schätzt ein Kunstwerk nicht nachAem Merthe irgend
einer in demselben enthaltenen Einzelheit, sondern
nach dem Eindruck, den dasselbe als etwas vollkom-
menes, Ganzes auf uns macht. Also wird man auch
die Räume eines Hauses nicht nach pem materiellen Werth und
der Ausführung einzelner Gegen-
stände, sondern nach dem Zusam-
menstimmen dieser untereinander
und mit dem Raum beurtheilen.

Gerade diese Harmonie, die mit
den einfachen und ärmlichen Mit-
teln ebenso erreichbar ist, als mit
den prunkvollsten und kostbarsten
Gegenständen, ist es, die dem Hause
seinen überwiegenden Einfluß in
dem Kunstschassen eines Volkes
sichert und die, wenn sie gestört
ist, nicht ohne Wirkung auf die
Gefühls- und Denkungsweise des-
selben bleibt. In dem gewaltigen
Kohlenbecken, das sich zwischen
Nons und Lharleroi in Belgien
hinzieht, ist sie zum Beispiel ge-
stört; hier findet man häufig
Gigerln, die in einer elenden Dach-
stube schlafen, kostbare Prunkstücke
neben primitiven Bedürfnißmö-
beln, gigantische Architekturstücke
an armseligen Fassaden; aber einen
bescheidenen Blumentopf, der in
dieser vegetationslosen Kohlen-
atmosphäre von besonderem
Werthe wäre, sucht man vergebens.

Hier in dieser schauerlichen Misch-
ung von städtischer Prunksucht und
dörflicher Armseligkeit kommt dann
auch die wilde Natur im Menschen
am Leichtesten zürn Durchbruch,
wie es die vielfachen Streiks der
letzten Jahre gezeigt haben. Hier
kann auch der Architekt erkennen,
daß sein Beruf ein erziehender ist,
wenn er andere Landstriche mit
glücklicheren Verhältnissen dagegen
hält. Keiner von den verschiedenen
Künstlern hat ja so viel Einfluß
auf das Haus und seine Räume
als er, denn keiner greift so ge-
staltend in die Aufenthaltsräume
einer Familie ein, als er.

Es ist nicht leicht, die Gren-
zen abzuftecken, bis zu welchen
der Einfluß des Architekten im
Innenbau zu gehen hat, da ein-
mal die verschiedenen Aufgaben,
als öffentliche und private Häuser,
als Ligen- oder Miethswohnungen,
dann aber auch der Mille des Be-
sitzers hier diesen Einfluß ein-
schränken oder erweitern. Die Be-
ziehungen, die den Architekten
mit der Innen-Dekoration verbin-
den, sind vielfach verschlungen und
nicht immer deutlich erkennbar, sie
beruhen aber, wie bei jedem an-
deren dekorativen Künstler, auf
einem Kompromiß zwischen ihm
und dem Bauherrn oder dem Woh-
nungsinhaber, geschlossen auf
Grund der Urtheils- resx. der
Leistungsfähigkeit der Partheien.

Nicht immer ist in diesem ver-
tragsverhältniß dem Architekten
der Einfluß gewahrt, der ihm zu-
stehen sollte, da sich mit dem Auf-
blühen des Dekorationsgeschäftes
neue Faktoren gebildet, die ihm denselben zu schmälern suchen, und die zu oft un-
erquicklichen Verhältnissen geführt haben, wenngleich hier in letzter Linie immer
nur das künstlerische Können ausschlaggebend sein wird, so ist es doch eine bedenk-

vou Robert Mielke.

liche Erscheinung, wenn der Dekoratör Aufgaben in sein Bereich
zieht, die in die Thätigkeit des Architekten hineingreifen. Auf
Grund persönlicher Begabung sind hier wohl Ausnahmen zulässig;
die schiefe Ebene, welche zur Auflösung eines architektonischen Ge-
dankens führt, beginnt aber da, wo dem Architekten das natürliche

Arbeitsgebiet allgemein ge-
schmälert wird. Und dieses Ar-
beitsgebiet soll im Folgenden dar-
zustellen versucht werden.

Ohne die Arbeit des Bau-
meisters ist die des verzierenden
Dekoratörs gar nicht möglich; es
ist also die zweite erst die Folge
der ersteren und damit auch die
Ueberlegenheit des Architekten mit
zwingender Nothwendigkeit er-
wiesen. Da der Dekoratör aber
die Grundsysteme des Architekten,
wie sie sich in Thür- und Fenster-
öffnungen, Pfeiler, Nischen, Grund-
rissen u. dergl. zeigen, nicht außer
Acht lassen kann, sondern mit seinen
Dekorationen den großen Linien
des Letzteren folgen muß, will er
nicht den Eindruck des Unbehag-
lichen Hervorrufen, so ist dieser
vielfach in seinem Können ge-
hemmt, wenn der Architekt nicht
von vornherein auf die kommende
Ausschmückung Rücksicht nimmt.
Ls wäre daher die Ausbildung
eigener Innen-Architekten
sehr wünschenswerth, die sich dem
' ausführenden Baumeister ebenso
an die Beite stellen würden, wie
es schon jetzt in vielfachen Fällen
die Ingenieure thun. Auch hier
ist das Prinzip der Arbeitstheilung
nicht mehr fremd, nur kann in diesen
Fällen auf eine Zentralleitung am
Wenigsten verzichtet werden.

Außer den angegebenen Grün-
den sind noch andere vorhanden,
die auf den Architekten als natür-
lichen Gberleiter Hinweisen. So
ist er durch seine Bildung bis zu
einem gewissen Grade mit deu
materiellen und technologischen
Eigenschaften der Stoffe vertraut,
die in mannigfachster Meise in
einer Innen-Dekoration zur An-
wendung gelangen, und dann ist
er auch die geeignete Mittelsper-
son, an die sich der Bauherr wen-
den muß, um seine eigenen, nicht
immer künstlerischen, Ideen zur
Ausführung gebracht zu sehen resp.
um über die Unmöglichkeit der-
selben Aufklärung zu erhalten.
Hier kann sich schon manche schwie-
rige Position ergeben, wenn sich
der Architekt mit seinem Schön-
heitsempfinden im Widerspruch mit
dem seines Bauherrn befindet; in
einer solchen Lage kann nur der
künstlerisch vermittelnd wirken, der
den technisch und ästhetisch wei-
testen Gesichtskreis besitzt. Line
Auseinanderhaltung der Wir-
kungskreise zwischen Architekt und
des Privaten ist nicht leicht, da
sich hiervon im vorhinein Schwie-
rigkeiten durch die verschiedenen
Arten der Bauten ergeben. Es
erweitert sich der Kreis bei Ge-
meinde- und Staatsbauten, wo
nicht die Wünsche eines Einzelnen hindernd in den Weg treten, sondern eine Ge-
nossenschaft ihr vertrauen auf den Architekten als einzigen Sachverständigen setzt;
er wird kleiner, wenn die persönlichen Wünsche des Bauherren berücksichtigt werden

Abbildung Nr. -ZS5. Wand-Dekoration mit Spiegel, von Architekt Dorschfeldt.
loading ...