Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Seite 154.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Oktober-Heft.

Abbildung Nr. 922. Kaiser-Jubiläums-Ausstellung im Prater zu Wien. Pavillon des Wiener Stadt-Erweiterungs-Fonds und des Verkehrswesens.

Architekt Max Fabiani, Wien. Plastik von J. Hajda, Wien.

eitern sassen die Schlüssellöcher in kreisförmigen oder ovalen
Mulden, die den Schlüssel gewissem]assen ins Schlüsselloch
hineinfallen Hessen. Das sind menschenfreundliche Erfin-
dungen, während hinter jenen erhöhten Schlüssellochschildern
boshafte Kobolde zu wohnen scheinen.

Was mir an meinen Möbelbeschlägen — und zwar an
den guten theuren Möbeln! — sonst noch aufgefallen ist,
das sind die schlechten Befestigungsarten. So ein gegossenes
Schlüsselschildchen oder ein Handgriff ist mit zwei kleinen
Nägeln oder Schrauben befestigt! Hakt der Schlüssel einige-
male hinter die Vorsprünge um die Schlüssellochpartie oder
wird an dem Griff einigemale zu derb gerissen, so ist's mit
der Befestigung alle! Die Nägel und Schrauben werden
vielleicht nur locker — wie scheusslich, so ein baumelndes
Beschlagstück! — oder es geht nur ein Stiftchen heraus und
der kleine Gegenstand pendelt um den anderen Befestigungs-
punkt herum! Das sind höchst unerfreuliche Zugaben.

Ferner findet man häufig Beschläge ohne alles Ver-
ständniss angebracht; oft ist es im Verhältniss zum Gegen-
stand zu gross, oft auch zu klein. Die Gebrauchsfähigkeit
leidet unter solchem Missverhältniss, die Schönheit des Möbels
ebenfalls. Und es ist sicherlich unleugbar, dass das Beschläge
erst dem Möbel seine völlige Gebrauchsfähigkeit geben kann
und soll und gleichzeitig von grosser Bedeutung für die Aus-
schmückung desselben ist. Beides ist aber in der Einfachheit
und Solidität erreichbar. Das zeigen uns so recht deutlich
die einfach beschlagenen Möbel der neuesten Zeit. Solch
ein einfacher Beschlag, glatt aus Messing ausgeschnitten,
sauber gefeilt, mit gedrehten Knöpfen, unter Verzicht auf
alle Nebendinge, ist bequem zu handhaben und sieht recht
schmuck aus. Und noch eins! Wenn wir uns wieder daran
gewöhnen, Geschmack zu finden an derartigen guten, echten,
einfachen Sachen, so wird das entsetzliche Talmi auch auf
diesem Gebiete verdrängt werden! Es hat in der That den
Anschein, als ob wir, gereinigt auf allen kunstgewerblichen
Bethätigungsgebieten vom Talmi und von Surrogaten, in das

neue Jahrhundert eintreten können. So scheint endlich auch
das wenig rühmlich bekannt gewordene »cuivre poli« seine
Rolle ausgespielt zu haben, hoffentlich wenigstens auf dem
Gebiete der Beschläge. Es ist eigentlich merkwürdig, dass
sich dieses billige, protzige Zeug so lange hat breit machen
können! Nachlässige Formbildung, verschwommener Guss,
verschliffene Einzelheiten, Goldbronzetünche — das alles hat
man, ohne sich sonderlich zu rühren, jahrzehntelang ertragen.
Wenn man dabei noch nichts anderes gesehen hätte, um
Vergleiche anstellen zu können! Aber jeder alte Hausstand
weist in den grossen Koffern, in den Schränken, Kom-
moden etc. prächtige Beispiele einfacher solider Beschlagkunst
aus dem Anfang unseres Jahrhunderts auf. Wir brauchen
deswegen noch lange nicht uns zur Begeisterung für die
Vasen- und Wappenformen als Schlüsselschilder und Unter-
lagsplatten der Handgriffe zu versteigen, wenn wir die ruhige,
gefällige Erscheinung dieser gutbürgerlichen, soliden Beschläge
bewundern. Starkes Messingblech, bestimmte, klare Umriss-
formen, glatte, zweckmässige Griffe und Knöpfe, solide
Schraubenbefestigung zeichnen diese Beschläge, die uns heute
thatsächlich wieder vorbildlich geworden sind, aus.

Die Anregungen zur Schaffung einfacher, praktischer
und geschmackvoller Beschläge nach heutiger Auffassung
sind uns aus England und aus Amerika geworden; nicht
zum mindesten haben aber auch aufmerksame Beobachtungen
über diejenige Art von Beschlägen, die aus dem scharf ent-
wickelten Gedanken der Verbindung von Zweckmässigkeit
und Vornehmheit, ohne eigentliche Verzierungskunst, ent-
standen sind, dazu geführt, die Wirkung, die dort erreicht
wurde, auf die Möbel zu übertragen: ich meine die aus kühler
Berechnung und Erwägung entstandenen Beschläge der
Schiffs-Einrichtungen, der Schlafwagen und Tramways.

Jeder von uns hat schon in den langweiligen Augen-
blicken einer Reise oder einer Strassenfahrt sicherlich ein-
gehend die einfachen und dabei eleganten Beschlagtheile
bewundert. Sie sind von Leuten erdacht und ausgeführt,
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