Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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R. Trunk: Die deutsche Wohnungseinrichtung.

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zukommen. Im Ganzen bot die Ausstellung
ein Bild grosser Verlegenheit — die his-
torischen Stile waren der Reihe nach ver-
braucht — wo sollte jetzt weiter entlehnt
werden? Manche borgten bei den Eng-
ländern, manche bei den Niederdeutschen,
andere copirten sog. Bauernmöbel oder
griffen zur Frühgotik zurück. Die fol-
genden Jahre steigerten die peinliche
Lage immer mehr; das Publikum, an den
raschen Wechsel der Dinge gewöhnt, ver-
langte etwas wirklich Neues an Stelle der
seitherigen Nachahmungen — die Kunst
des Architekten aber, dem naturgemäss
auch die Einrichtung der Innenräume
zufiel und ferner zufallen sollte, schien voll-
ständig zu versagen; was sie fortan noch
producirte, zeigte immer wieder An-
lehnungen an historische Stilformen. Was
sollte nun weiter geschehen, nachdem letz-
tere alle abgewirtschaftet hatten? Fragend
richtete man den Blick in die Ferne, da in der
Nähe nichts mehr zu suchen war und jetzt
waren es die Japaner, die unsere Formen-
sehnsucht mit ihren exotischen, absonder-
lichen Gebilden stillen sollten.

Barok und Rococo hatten mit der
prickelnden Wirkung ihres Formenreich-
tums eine Uebersättigung herbeigeführt,
die zu vollständig veränderten Anschau-
ungen führen musste. Bei den dekorativen
Künsten der Asiaten war es die einfache
klare Linie, das intensive Naturstudium,
die virtuose Art der Flächenbelebung,
was uns nach dem überstandenen Wust
plastischer Formen mächtig anzog. Fortan
wollte keine Einrichtung, die einigermassen
auf Geschmack Anspruch erhob, ohne
japanische Dekorationsstücke sein. Hatten
aber die Japaner früherer Zeiten Kunst-
Werke von hoher Bedeutung geschaffen,
die vermöge ihrer hervorragenden Eigen-
schaften als solche Glanzstücke in unseren
Einrichtungen vorstellten, so machten sich
die schlauen Insulaner unsere plötzlich er-
wachte Vorliebe für ihre Kunstprodukte
trefflich zu Nutzen. Was sie in der guten
Zeit an vorzüglichen Werken geschaffen,
ersetzten sie bald durch' billige Massen-
artikel ihrer aufstrebenden Industrie und

schickten sie uns in ganzen Schiffsladungen;
hierzu kam noch die einheimische Imita-
tion japanischer Erzeugnisse und beide Ur-
sachen trugen dazu bei, unsere Schwärmerei
für Japan und seine Kunst nach kurzer
Zeit gründlich zu verderben. Der japa-
nische Stil hatte wie die früheren abge-
wirtschaftet, man sah sich nach etwas
Neuem um und jetzt waren es die Eng-
länder, die aus der Not helfen sollten.
Bei diesen hatten sich längst feste Formen
gebildet, Kunst und Kunstgewerbe waren
in England nie so scharf getrennt, und
einer Anzahl hervorragender Künstler war
es dort gelungen, ihren Geschmack auf
die Masse des Volkes zu übertragen, das-
selbe in Fragen der angewandten Kunst
selbständiger zu machen und einen natio-
nalen Stil zu schaffen, einen Wohnungs-
stil, der die Individualität des Bewohners,
seine Persönlichkeit, zum Ausdruck bringt.
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