Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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Ein lag auf der Burg.

Mann verteidigt, in Kampfeshitze des
labenden Trunks nicht entbehre. Im
oberen Geschosse wohnt der Tross der
Knappen, und ganz oben unter dem Dache
schaut der Turmwart aus seiner luftigen
« Kemenate» ins weite Land hinaus

Unterdessen ist die Sonne bereits
über die Mittagshöhe gerückt, und wir
hören Hundegebell und Hörnerklang und
sehen den Burgherrn mit seinen Söhnen
und dem schnell befreundeten Gaste, die
schwere Armbrust in der Rechten, dem
Gefolge voran, aus dem engen Hinter-
pförtchen der Burg das traulich an Felsen
geschmiegte Gärtchen und den fischreichen
Weiher vorbei, dem nahen Walde zureiten,
dessen friedlich stille Gründe bald vom
Anschlage der Rüden und dem Waidruf
der Männer wiederhallen.

Nach etlichen Stunden sehen wir die
Jäger wieder zurückgekehrt auf der wohn-
lichen Kemenate des Burgherrn, der sich,
auf die weichen Pfühle des «Spannbettes»
gelagert, mit seinem Gaste, wie vorher
auf grünem Waldesgrunde, nun auf dem
gewürfelten Brette des «Schachzabel-
spiels » mit gleicher Kunstfertigkeit herum-
tummelt.

Jetzt aber, da sich die Sonne allmählich
gegen Westen zieht, wird es wiederum
lebendig auf dem Palas, und wiederum
tragen die Knappen den grossen, eichenen
Tisch in die Mitte und decken ihn wieder
mit frischem weissen Linnen, und besetzen
ihn reichlich mit Speise und Trank zur
zweiten und letzten Mahlzeit des Tages,
die schlechtweg « das Essen » heisst. Und
abermals legt und schneidet die Burgfrau
dem Gaste wieder die besten Gerichte
vor, und reicht sie ihm mit freundlichem
Neigen auf einer fein geschnittenen breiten
Scheibe Weissbrodes hin, während ihm
aus den schönen Händen der sittigen
Töchter der Wein kredenzt wird. Nach
dem Mahle geht es hinab in den Hof,
unter dessen blütenduftigen Linden auch
das ganze Burggesinde schon längst des
Sängers harrt, der, zur Ehre und zum
Dank für die edle Milde und Gastlichkeit,
die er heute gefunden, einige von seinen

Liedern versprochen hat. Und er hält
Wort, und singt zu den leise begleitenden
Klängen der Zither gar viele und schöne
Weisen von den Helclenthaten der Väter
im Lande Italia und in den heidnischen
Morgenlanden, vom König Artus und dem
heiligen Gral, von den Siegen den Rot-
barts und dem Tote König Konradins;
und er singt hinwieder, — wie Walther
von der Vogelweide, und Hartmann von
Aue und Wolfram von Eschelbach, —
vom Ruhme und der Ehre der deutschen
Männer auf ihren Burgen und in ihren
Städten, und von der züchtigen Jugend
und der reinen Minne der Frauen in der
schönen, lieben deutschen Heimat. Doch
schon ist es spät geworden in der milden,
gestirnten Frühlingsnacht, bis der Sänger,
unter dem lauten Beifallsrufe der Männer
und dem stillgeneigten Nicken der Frauen,
in die für Gäste stets bereit gehaltene
Kemenate hinaufwandelt, auf welche ihm
noch ein Knappe mit einer Schüssel ge-
trockneten Obstes den duftigen «Schlaf-
trunk», eine Kanne guten, mit Gewürz
und Pflanzensäften gemischten Weines,
bringt. Da lehnt nun der Sänger, im
mondbestrahlten Erker des engen Ge-
maches, und alles, was der heutige Tag
ihm gezeigt und gebracht hat, geht noch
einmal an seiner Seele freundlich vorüber,
und die Nachtigall drüben im zierlichen
Käfig vor den Fenstern der Frauen-
Kemenate begleitet mit ihrem melodischen
Liede seine tiefsten Gedanken. Und der
Sänger sinkt bald auf das breite, weiche
Lager hin in tiefen, friedlichen Schlummer,
und beim Erwachen ruht — der junge
Wanderer wieder vor den ehrwürdigen
Trümmerresten der alten, auf Felsen ge-
gründeten Herrenburg.

Verschwunden ist Zugbrücke und
Palas, Imbiss und Burgherr, Jagd und
Gesang unter der Linde, — und um das
mählig zerbröckelnde Gestein der kahlen,
ragenden Wände, wuchert wie vorher der
Epheu und der Hollunderstrauch. Der
kühle Brunnen in den vom leichten Morgen-
winde durchstrichenen Räumen des ver-
ödeten Hofs ist längst verschüttet, die
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