Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 2.1901-1902

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Prof. Seder: Pliysiognoiniselic Studien von Schauspieler Albert Boree.

Klassicität ziemlich kalt lassen und Feigen-
blätter auch ohne « Lex Heintze » entbehr-
lich machen, weil es eben vom rein
menschlichen Standpunkt aus betrachtet
keine Menschen sind, sondern unerreichte
[dealgestalten, die in der mangelhaften
Schöpfung manchmal recht rar sind!

Als Kunst der griechisch-römischen
Verfallszeit wird in unsern unfehlbaren
Kunstgeschichten eine Periode bezeichnet,
in welcher uns eigentlich zum erstenmal
Kunstwerke entgegentreten, die, realis-
tisch aufgefasst, menschliches Empfinden,
Gefühlsausdrücke darstellen und dadurch,
dass der Mensch zum Menschen spricht,
erst verständlich werden. Hier macht es
sich der Künstler zur Aufgabe, den Men-
schen nicht mehr nach Schema A. oder B.
darzustellen, nein, er sieht seine Aufgabe
darin, den Körper im Affect der Psyche in
seelischer Erregung festzuhalten und seinem
Mitmenschen verständlich zu machen
Heute noch, nach mehr als zweitausend
Jahren, sprechen diese Kunstwerke noch
die gleiche Sprache wie damals und rufen
uns in klarer verständlicher Weise zu,
dass Freud und Leid stets gleich bleiben,
so lange es Menschen gibt.

Um im Rahmen der chronologischen

Reihenfolge zu bleiben, muss darauf hin-
gewiesen werden, dass diese höchste Blüte
antiker Kunst durch den Verfall des
römischen Reiches ihren Abschluss fand,
um erst während der Renaissance des
sechzehnten Jahrhunderts neu zu erblühen
und Früchte zu treiben, welche noch
heute in unserer gesamten modernen
Kunst fort fruktifizieren. Unsere viel-
gelästerten oder überschwänglich gelobten
modernen Künste machen es sich zur Auf-
gabe, menschliches Empfinden so dar-
zustellen, wie es der heutige moderne
Mensch verlangt. Hier werden hoch ideale,
dort realistisch seccesionistische Anfor-
derungen gestellt, denen ein moderner
Künstler nach ein oder der andern Richt-
ung gewachsen sein soll. Mit Schablonen
kommt, trotz aller Schablonenhaftigkeit
unserer modernen Zeit, der Künstler nicht
mehr durch und es heisst für ihn, bei
allem angeborenen Talent, studieren und
üben, um den Anforderungen des heutigen
Publikums gerecht zu werden, das heisst:
ein Kunstwerk so zu gestalten, dass es
mehr oder weniger klar verständlich wird.

Jeder darstellende, jeder bildende
Künstler weiss, wie schwer es ist, eine
Empfindung physiognomisch oder bild-
nerisch festzuhalten und so zum Ausdruck
zu bringen, dass sie verstanden wird. Nur
das eingehendste Studium des Menschen
macht es ihm möglich, die so unendlich
verschiedene Scala menschlicher Gefühls-
regungen zu erfassen und darzustellen.

Für den darstellenden Künstler, den
Schauspieler, ist es Lebensaufgabe, dem
gesprochenen Wort physiognomische Er-
läuterung zu geben, damit beide im Verein,
dem Zuschauer die Darstellung möglichst
zur Wirklichkeit gestalten. Anders ist es
beim bildenden Künstler, der ja nicht mit
der Schnelligkeit des Wortes schafft, son-
dern mühsam den spröden Stoff langsam
in die Form zwingt und nur bei Talent
durch ausdauernden Fleiss seinem Vorbild
nahe kommt. Hier ist es neben dem eigenen
Empfinden das Modell, welches nachgebildet
wird und welches in der Hauptsache die
Vorlage für das Kunstwerk bildet. Jeder
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