Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 2.1901-1902

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ÜBER MOPERNE KIR(ÜENMALEREI

Von CHE. CLERICUS

ohl weiss ich, dass ich in ein
Wespennest steche, wenn ich diese Frage
anschneide; denn auf wenigen Gebieten
wird mehr gesündigt, als auf dem der
Kirchenrestauration. Es ist nicht nötig,
dabei an Elsass-Lothringen zu denken;
wo wir auch hinblicken: fast überall die
gleiche Erscheinung, der gute Wille, aber
mangelhaftes Verständnis für die Be-
deutung der Aufgabe.

Es wird sehr zur Klärung der Ansichten
beitragen, wenn ich mein Bedenken be-
zwinge und die Diskussion über einen
Gegenstand eröffne, der Geistliche wie
Kaien in unseren Tagen in gleicher Weise
beschäftigt. Ich denke zunächst an das
Anstreichen der Figuren. Unsere Maler
und Vergolder wissen nur zu gut, dass
keine alte und keine neue Figur nach
dem Durchschnittsgeschmack unbcmalt
bleiben soll. In buntester Farbenpracht
stehen die Figuren an den Portalen und
an den Altären. Und wenn wir fragen,
ob das «schein» ist, so antwortet man
uns: «Die Gothik hat eben in ihrer
Blütezeit polychromiert und unsere Schöpf-
ungen sollen streng im Charakter dieser
Zeit gehalten sein. » Ich glaube nun, dass
es zu den schwierigsten Dingen gehört,
eine schön und in gutem Material gear-

beitete Statue würdig zu bemalen. Sehen
wir uns die neu bemalten Statuen in un-
serm Eande einmal genauer an : viele sind
sehr sorgfältig modelliert und gearbeitet,
aber durch die Hand eines unbeholfenen
Malers einfach verschmiert und in ihrer
ganzen Wirkung beeinträchtigt. Wäre es
da, wo keine geschulten Kräfte auftreib-
bar sind, nicht vernünftiger, auf «Stil-
korrektheit » lieber zu verzichten und die
Polychromierung zu unterlassen, als sie
Stümperhänden anzuvertrauen ? Gewiss
vermag der Anstrich in vielen Fällen die
Vorstellung von dem wirklichen mensch-
lichen Gebilde zu vollenden, welche das
Material und die Form nicht zu geben
vermag, aber lebensfrisch und vornehm
kann m. E. eine Figur auch ohne den
üblichen farbigen Anstrich wirken.

Es bedarf aber des Hinweises, dass
unsere Maler und Vergolder sich mit der
Technik der haltbaren, brillanten Farben
des Mittelalters mehr vertraut machen
sollten. Wenn die Vergolder mehr mit
Spiritus arbeiten würden, erhielten zwar
manche Fassungen gewiss ein ganz anderes
Ansehen. Die Alten haben aber vielfach
mit Eiweiss und Wachs gearbeitet; denn
der Spiritus war noch bis in das n. Jahr-
hundert ein kostbares Elixir. Das Beste

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