Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 2.1901-1902

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Kopfleiste. Von Hugo Höpfner.

gjM ERSTEN KUNsTERZIEHuNGSTAG

Von ANTON HARTMANN.

Die Frage der künstlerischen Er-
ziehung unserer Jugend ist heute mehr
denn je Gegenstand lebhafter Erörterungen.
Nachdrücklich wird von allen Seiten auf
die Notwendigkeit hingewiesen, das Auge
schon frühzeitig zu bilden, zu zeichnen.
Zur Vorbereitung für jeglichen Beruf soll
Zeichnen und Sehen dienen : es schärft
die Beobachtung und verleiht eine indivi-
duelle Selbständigkeit in der realen Welt,
welche durch nichts ersetzt werden kann.

Noch ist der Zeichenunterricht kein obli-
gatorischer Gegenstand an vielen unserer
humanistischen Gymnasien, aber die Zeit
kann nicht mehr ferne sein, wo die erste
Note im Zeichnen ihre Bedeutung für die
Gesamtbeurteilung des Schülers hat.

Die Anregung zu einer Höherstellung
des Zeichenunterrichts ist längst aus Uni-
versitätskreisen hervorgegangen. Auch Me-
diziner und Naturwissenschaftler weisen bei
jedem Anlasse auf die Notwendigkeit der
I Ieranbildung tüchtiger Zeichner im wis-
senschaftlichen Berufe hin; haben sie ja
zumeist selbst schwer empfunden, dass
ihre eigene Schulbildung das so wichtige
Sehen, Erkennen und Wiedergeben eines
Gegenstandes so schmählich vernachläs-
sigen Hess.

Mit diesen Anregungen hätte freilich
auch die Anregung zu einer Reform des
Zeichenunterrichts Hand in Hand gehen

sollen; denn vielfach steht der Zeichen-
unterricht, wie er auf den höheren Schulen
betrieben wird, auf einer Stufe, die es be-
greiflich erscheinen lässt, wenn die Schüler,
vor allem die künstlerisch veranlagten,
lieber in den « Anfangsgründen » stecken
bleiben und, wenn sie älter geworden sind,
enttäuscht dem Zeichensaal entfliehen.

Das Einzige, was den Schülern der
humanistischen Gymnasien an künst-
lerischer Bildung zugeführt wird, erweist
sich thatsächlich in vielen Fällen als wenig
anregend für Hand und Auge und vor
allem als unbrauchbar für das spätere
Eeben.

Während in allen übrigen Fächern
ein reger Wetteifer in der Verwertung
des Besten aus dem Neuesten herrscht,
ist es nichts Ungewöhnliches, dass der
Zeichenunterricht in demselben Geleise
ruhig fortbetrieben wird, in welchem er
sich seit Grossvaters Zeiten her bewegte.

Der Fortschritt auf dem Gebiete des
Zeichenunterrichts erscheint hier nicht als
Gebot der Notwendigkeit, vielmehr ist die
Anschauung vielfach verbreitet, dass es
gleichgültig ist, nach welcher Methode
der Schüler in die Kunst des Zeichnens
eingeführt werden wird. Eine gewisse
übelangebrachte Pietät scheint also einer-
seits wenig Neigung zu verspüren, am
Althergebrachten zu rütteln, während
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