Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 2.1901-1902

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Anton Hartmann: Zum ersten Kunsterziehungstag.

Bücherschrank. \'on B. Hartmann in Mülhausen i. Eis.

andererseits die Thatsache, dass unsere
Schulen nicht dazu da sind, Künstler
heranzubilden, für eine durchgreifende
Reform des Zeichenunterrichts nichts
übrig hat.

Für den zu wissenschaftlichem Berufe
Vorzubereitenden hat nun u. A. der Chirurg
Esmarch freilich schon längst die Methode
vorgezeichnet. Er verlangt vom Zeichen-
unterrichte, dass er in die künstlerische
Naturbetrachtung einführe.

Das Zeichnen nach der Natur sollte
aber möglichst allgemein eingeführt werden,
und auch an solchen Schulen, an denen
es nicht ausschliesslich gepflegt werden
darf, möge doch der Schwerpunkt nicht
etwa auf das Zeichnen nach Vorlagen
oder Gypsabgüssen gelegt werden.

Es ist nicht die Absicht des Schreibers
dieser Zeilen, die Vorzüge des Zeichnens
nach der Natur hier wiederum aufs Neue
zu rühmen. Seine einleitende Betrachtung

soll vielmehr gewissen Zuständen gelten,
die sich naturgemäss aus der Stellung der
modernen Zeichenkunst zu verwandten
Fächern, die gleichsam Hülfswissen-
schaften derselben waren, ergeben mussten.

Die moderne Richtung der Zeichen-
kunst wird sich in ihrer ausgesprochensten
Form, also in einer Form, welche die Lehren
des Zeichnens nach der Natur konsequent
bis in die kleinsten Details verfolgt, stets
im Zwiespalt mit der landesüblichen Me-
thodik sehen.

Dieser Zwiespalt hängt innig mit der
Thatsache zusammen, dass zwischen der
naturalistischen Richtung der Zeichenkunst,
als der Vorstufe irgend eines Faches der
Malkunst, und der Zeichenkunst, die nicht
über die Grenzen ihrer Technik hinausgeht,
ein so gewaltiger Unterschied herrscht,
dass selbst dann keine Verbindung herge-
stellt werden kann, wenn auch die zweite
Richtung stets aus dem intimsten Umgang
mit der Natur schöpfen würde.

Der auf malerischen Effekt hin-
strebende Zeichner und der — wenn das
Wort erlaubt ist — akademische Zeichner
vertreten eben zwei grundverschiedene
Prinzipien.

Als Cornelius in Paris weilte und zu
Vernet ins Atelier kam, reichte ihm dieser
Pinsel und Palette und bat ihn auf ein
Stückchen Leinwand eine «Erinnerung» zu
malen. Cornelius aber nahm die Maler-
werkzeuge nicht, sondern sagte: «Ich bin
nicht der Mann der Palette; ich schildere
nur Gedanken mit der Reissfeder und der
Kohle »

Aehnlich wie hier der Gegensatz des
Malers zu dem Maler, der nie malerisch
denken gelernt hat, geschildert ist, ähn-
lich verhält es sich auch zwischen dem
künstlerischen Zeichner und dem schul-
gerechten Zeichner.

Der künstlerische Zeichner wird von
dem schulgerechten nicht erwarten, dass
dieser in seinen Fächern mit ihm wett-
eifere, während umgekehrt Dinge, die dem
«schulgerechten Zeichner» als Elemente
seines Könnens gelten, für das Schaffen
des ersteren ganz belanglos sind. Die
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