Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 2.1901-1902

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Prof. A. Seder: Üeber Bühnenausstattung.

eingezapft und auf jeder der drei Flächen
mit einem bemalten Leinwandstreifen oder
einer bemalten Holztafel bedeckt waren
und die Stelle unserer Culissen einnahmen.
Im römischen Theater hatte sich der monu-
mentale Sinn und die Prunksucht in ver-
schwenderischer Ausschmückung Genüge
gethan, man hatte das Bühnengerät mit
edlen Metallen bekleidet und die vela
(Zeltdecken), die zum Schutze der Zu-
schauer gegen die Sonnenstrahlen auf-
gespannt wurden, waren aus den kost-
barsten, prächtigsten Stoffen hergestellt.
Einen Prunkbau von höchstem Aufwand
errichtete im Jahre 58 v. Chr. in Rom der
Aedil Scaurus, indem er nur für kurzen
Gebrauch ein hölzernes Theater baute,
das 80000 Plätze enthielt und dessen Deko-
rationswand mit 36o Säulen aus dem kost-
barsten Marmor geschmückt war, zwischen
welchen 3ooo eherne Statuen aufgestellt
waren. Ein Werk, das ähnliche Bewun-
derung errang, war das hölzerne Doppel-
theater des Tribunen Curio, ein Wunder-
bau, der aus zwei drehbaren Theatern
bestand, die für gewöhnlich getrennt und
von einander abgewandt, nach Beseitigung
der Bühnen aber zu einem Amphitheater
vereinigt werden konnten.

Hölzerne Theater blieben auch weiter-
hin neben den festen steinernen üblich.
Mit dem Verfall des römischen Reiches
und der Einführung des Christentumes
nimmt das Interesse am Theater, wenn auch
nur allmälig, ab und die bestehenden festen
Theaterbauten gehen von jetzt an ihrem
sicheren Verfall entgegen. Das Mittelalter
kannte keine feststehenden Theater. Wir
erfahren über Theaterspiele (Weihnachts-
spiele) erst wieder etwas im 9.-10 Jahr-
hundert aus den Klöstern, z. B. St. Gallen.
Es entwickelt sich daraus langsam das
sogenannte Mysterienspiel, von dem uns
im 12 Jahrh. die Aebtissin des Odilienberg-
klosters Herrad von Landsberg Nachricht
gibt. Diese Mysterienspiele wurden ziem-
lich lange in den Domen der Städte
Frankreichs, Deutschlands und Englands
abgehalten. Sehr bald wetteiferten Kle-
rus, Fürsten, Adel und das allmälig

erstarkende Bürgertum, diese Spiele so
glanzvoll als nur immer möglich auszu-
statten. Die Kirchen wurden auf das
reichste mit Teppichen, Fahnen und Stan-
darten behangen, zwischen denen Guir-
landen und Blumenschmuck angebracht
waren, so dass sie mit ihrem sonstigen
reichen Schmuck eine überaus kostbare
Umgebung für die Handlung des Spieles
bildeten. Kostümlich suchten sich die Mit-
wirkenden, die zum grossen Theil dem
Adel angehörten, an Aufwand von Schmuck
und Kleiderpracht gegenseitig zu über-
bieten. Im i5. Jahrhundert, als diese Myste-
rienspiele ihren Höhepunkt erreicht hatten
und schon längst auf halbrunden Bühnen
von ungeheuerer Ausdehnung vor den
Domen aufgeführt wurden, währten diese
Schauspiele mehrere Tage lang * Der
Aufwand an Dekorationen, Costümen und
sonstiger Ausstattung war bei der Ver-
wendung einer Unmasse von Mitwirkenden
zu einem so kostbaren Vergnügen gewor-
den, dass ein Niedergang, der schwer auf-
zubringenden Kosten halber, nicht aus-
bleiben konnte.

Gleichzeitig mit diesen Aufführungen,
die nicht immer kirchlicher Natur waren,
besonders in der letzten Zeit nicht mehr,
hatte sich in Frankreich eine Gilde
«Confrerie de la passion» gebildet, welche
Darstellungen aus der Leidensgeschichte
Christi vorführte, welche vom Volke auch bei
uns aufgenommen wurden und die Grund-
lage zu den Passionsspielen bildeten, wie sie
sich heute noch in Oberammergau, Brixlegg
und anderen Tiroler Orten erhalten haben.
Bei diesen Spielen wurde von der Mysterien-
bühne die Anordnung derselben herüber-
genommen, freilich in möglichst einfacher
Ausstattung. Die profane Richtung der
späteren Mysterienspiele fand ihre Fort-
setzung in den Fastnachtsspielen des
16. Jahrhunderts, wie sie in Nürnberg,

* Vgl. Traube, Zur Entwicklung der Mys-
terien-Bühne. — Ueber die Mysterienspiele in
Strassburg vergl. das demnächst erscheinende
Buch: „Strassburg" in den „Berühmten Kunst-
stätten". Die Red.
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