Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 2.1901-1902

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Georg Daubner : Ueber Bühnenmaleret.

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So manche Flüchtigkeit in der Malerei
wird man milder beurteilen, wenn man
bedenkt, unter welchen Umständen sie
entstanden ist.

Bei dieser Gelegenheit sei noch be-
merkt, dass eine Scenerie, sie mag so gut
gemalt sein wie möglich, ungünstig wirkt,
sobald sie auf der Bühne anders zusammen-
gestellt oder beleuchtet wird, wie es
ursprünglich beabsichtigt war. Mitunter
erkennt der Maler sein eignes Opus kaum
wieder, wenn er es bei der Vorstellung-
plötzlich vor sich sieht. Zu seiner nicht
geringen Verwunderung sieht er, dass
Malereien, die für den Vordergrund be-
stimmt waren, im hintersten Winkel ein
bescheidenes Dasein fristen. Und umge-
kehrt prangt ganz vorne, im herrlichsten
Licht, was in einer dunkeln Ecke seine
geplante Wirkung nicht verfehlt hätte.
Auch steht aller Perspektive zum Trotz
eine Dekoration rechts, die links stehen
sollte, oder der Maler bemerkt, dass ganz
halsbrecherische Bauten von Stufen und
Podien die Bühne bedecken, deren Existenz-
berechtigung er zwar durchaus nicht er-
gründen kann, die aber die beabsichtigte
Wirkung vollständig zerstören. Erkundigt

er sich dann teilnahmsvoll nach dem
Grunde dieser «Verschönerung », so er-
fährt er, dass sie auf die Initiative irgend
eines Heldentenors zurückzuführen sei,
dessen herrliche Posen so besser zur
Geltung kämen. Dass so häufig, während
vom Autor nur Abendbeleuchtung vor-
geschrieben ist, der bleiche Mondstrahl
krampfhaft das schöne Antlitz des Helden
zu erhaschen sucht, ist oft auch nur auf
speziellen Wunsch des letzteren zurück-
zuführen. Ob es widersinnig und grund-
falsch ist, fünf Minuten nach dem Ver-
schwinden der Sonne den grellen elek-
trischen Mondschein loszulassen, thut nichts
zur Sache, ebensowenig, dass auch die
beste Scenerie bei solchen Kunststückchen
flach und zerrissen aussieht.

Wir schliessen mit dem Wunsche,
dass sowohl das Publikum als auch die
massgebenden Kreise der vielfach etwas
stiefmütterlich behandelten Bühnenmalerei
etwas mehr Beachtung und Interesse zu-
wenden möchten. Was ihr not thut, ist
vor allem eine ehrliche Kritik, die unvor-
eingenommen das Bestehende prüft und
den Reformbedürfnissen ernstlich Rech-
nung trägt.
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