Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 2.1901-1902

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Dr. R. Bruck: Elsässische Holzplastik.

Anna selbdriu aus Kufach.

Profanfiguren sind in beschränkter
Anzahl vorhanden, so die Reste der alten
Rathausuhr in Rufach: Adam und Eva
am Baume mit der Schlange, sodann sechs
Figuren der alten astronomischen Uhr des
Strassburger Münsters, jetzt im Frauen-
hause, vom Ende des 16. Jahrhunderts,
die vier Lebensalter darstellend, Kind,
Jüngling, Mann, Greis, als fünfte Figur
den Tod, als sechste Christus, den Über-
winder des Todes, zwei Statuen Kaiser
Heinrich II, der als Kaiser Heinrich der
Heilige besondere Verehrung im Elsass
genoss, eine im Museum zu Kolmar, die
andere in der Sammlung Spetz in Isen-
heim.

Als Überbleibsel der einst so beliebten
Schauspiele des Mittelalters hatte sich die
Sitte erhslten, bei der Prozession am
Palmsonntage einen hölzernen Esel, der
auf einem Radgestell stand und auf dem
die Figur des Herrn reitend angebracht
war, mitzuführen. Er versinnbildlichte
das Einreiten des Heilandes in Jerusalem.
Zwei solche sogenannte Palmesel aus
dem i5. Jahrhundert sind erhalten, einer

zu Ammerschweier, der andere in Kay-
sersberg. Ein dritter, aus dem Elsass
stammend, befindet sich jetzt im Museum
zu Basel.

Überblickt man die Anzahl von Bei-
spielen einer so tüchtigen lebensstarken
Kunstübung, so sieht man, dass hierin
das Elsass mit allen anderen Schulen
Deutschlands wetteifern kann. Kurz war
nur die Zeit, wo die Holzschnitzkunst des
Volkes ganze Gunst besass. Durch die
von der Reformation hervorgerufenen
Strebungen und Bewegungen wurden die
Bildwerke aus der Kirche entfernt, und
als dann später der Sturm der Revolution
durch die Lande brauste, da wurden die
Werke vernichtet und zerstört, an denen
oft jahrelang die alten Meister mit Liebe
und emsigem Fleisse gearbeitet, Werke,
zu denen lange Jahrzehnte hindurch die
Gläubigen im frommen Gebete aufschauten,
von denen sie Hilfe und Trost erflehten.

Aus den vielerlei Versuchen bei un-
seren modernen Holzschnitzwerken sieht
man, wie immer mehr aus der Menge von
völlig Ungleichwertigem viel Gutes ja oft
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